Another Year Over + Stöckchenupdate

Der Mensch ist ein seltsam Ding. Erst zweifelt er an sich, der Welt, allem. Dann rauscht das signifikante einmal-um-die-Sonne-Datum heran, verglüht wie ein Komet in Gelächter und Schnaps, es folgt ein reinigendes Gewitter und am Ende stellt man fest, dass man eben doch Teil eines Gefüges ist. Wenn vielleicht auch als Rogue Planet. Basst scho.
(Danke, ihr, alle.)

Und weil ich das mit Kommentar-Link und Pingback in diesem Layout immer noch nicht ganz raushabe, ein bisschen Lesestoff zum Demokratie-Stöckchen:


Ein außergewöhnlicher Beitrag gleich zu Anfang, von Emannuelle


Ich habe ein Mal in den frühen Neunzigern protestgewählt bzw. meine Stimmen an absurde rechte und linke Splittergruppen verschenkt. Deshalb hatte ich zwei Jahre ein schlechtes Gewissen. Es ging mir damals nicht gut. Ich war sehr arm und verzweifelte daran, dass die Gesellschaft von mir erwartete, dass ich arbeiten sollte, um mich zu ernähren und mir gleichzeitig alle Türen dazu verschlossen blieben.
Frau KittyKoma einmal mehr in Hochform und vorallem wirklich nah am historisch relevanten Geschehen.


Außerdem ist auch so eine Partei sowas wie ein Verein und damit sind dann dort Menschen, die mit Vereinsmeierei etwas anfangen können. Es gibt Postenschieberei, wer sitzt, der bleibt und wer Hausfrau oder Lehrer ist, ist klar im Vorteil, weil: Zeit frisst das ganze auch noch. Ist man dann nicht Mitglied der zufällig gerade „regierenden“ Partei macht man auch mal Jahrelang nur Pressearbeit.

Der Jawl hat sich das auch mal näher angesehen.


Es ist wie bei kleinen Kindern: verbiete es und du machst es attraktiv. Wenn wir, das Volk, zudem nicht wählen könnten, wen wir dürften, bliebe uns nur die Möglichkeit einer außerparlamentarischen Opposition und der Radikalisierung, und ganz ehrlich – die 70er-Jahre der deutschen Geschichte möchte ich auch nicht wiederholen.

Ich mag wie weit Dorothy hier ausholt.


Oder vielleicht eine platonische Aristokratie mit lauter Philosophinnen und Philosophen (heute: Expertinnen und Experten) an der Staatsspitze? Doch das widerspräche meiner Grundüberzeugung, dass alle Menschen gleich viel wert sind.

Die Kaltmamsell wie immer auf den Punkt und vor allem ganz bei sich.

Decisions are made by those that show up – ein Demokratiestöckchen

Wer mir an anderer Stelle im Internet folgt, weiß, dass ich ein glühender Fan einer schon vor Jahren zu Ende gegangenen Serie namens „The West Wing“ bin. Die von Aaron Sorkin (eine Frage der Ehre) entwickelte Show, ist eine Art Blick hinter die Kulissen des weißen Hauses. Der liberale Demokrat Präsident Bartlet ist im Gegensatz zu vielen fiktiven Staatschefs aber kein Held, der gegen alle Widerstände revolutionäre Gesetze durchbringt oder überdimensionale Erfolge feiert. Im Gegenteil. Er scheitert, immer wieder. Am in der Mehrheit republikanischen Kongress, an den Limitationen der Diplomatie, an der Langsamkeit des politischen Prozesses. Genau das macht die erzählten Geschichten aber so gut. Ewige Verhandlungen, Gesetze die mit bösen Fußnoten durchgewunken werden und der oft kaum wahrnehmbare, inkrementelle Fortschritt wirken erschreckend authentisch. The West Wing kann man nur mögen, wenn man anerkennt, dass der demokratische Prozess und radikale Umstürze nicht zusammen gehen.
Was mich zu meiner komischen Idee bringt. Heute Abend hat ein Bundesland gewählt und einmal mehr herrscht Kopfschütteln über das Ergebnis. Die politischen Lager verkaufen entweder sich selbst als Sieger oder weisen darauf hin, dass die anderen wenigstens auch verloren haben. Die Filterblase schüttelt ein bisschen hochnäsig den Kopf über Protestwähler und „die anderen“, die es einfach nicht begreifen.
Ich habe mich gefragt, ob es einen Weg gibt, über Politik zu reden, ohne politisch zu werden. Das hier ist mein Versuch: Ein Stöckchen zum Thema Demokratie. 5 Fragen, die eine innere Haltung zum System reflektieren sollen und neben einem selbst womöglich sogar einen potentiellen Leser daran erinnern, dass die Erfolgsquote der Demokratie-Alternativen eher so mittelgut sind.

  • Was bedeutet der Begriff Demokratie für dich – unabhängig von seiner Definition?
  • Ich glaube grade durch die zuletzt großen Schwankungen im politischen Diskurs, ist Demokratie für mich das Versprechen, dass sich Dinge ändern können. Demokratie heißt das Recht auf Mitwirkung und auf Mehrheitswillen. Wenn der Mehrheitswille nicht meiner ist, kann ich versuchen andere von meiner Meinung zu überzeugen, damit sie ihr Mitspracherecht nutzen. Demokratie ist aber eben auch die Pflicht die Stimme der Minderheit anzuhören. Sie zu ertragen, auszuhalten. Ohne Zensur, ohne Verbot und ohne Repressionen. Egal wie entgegengesetzt die politische Haltung eines anderen Menschen zu meiner ist – seine Stimme zählt genauso viel wie meine und das muss auch so sein. Demokratie ist chaotisch und anstrengend – Gottseidank – so kann ich mir sicher sein, dass keine gigantische Verschwörung in Wirklichkeit alles regelt. Weil in der Demokratie sagt immer irgendwer die Wahrheit, ob aus Versehen oder mit Absicht ist halt nicht immer ganz klar.

  • In welcher Form bzw. unter welchen Umständen könntest du dir vorstellen dich außerhalb der Stimmabgabe politisch zu engagieren? Anders gefragt – was hält dich ab?
  • Auf dieser Frage kaue ich schon sehr, sehr lange rum. Manchmal ist die Antwort einfach. Politik und Rückgrat passen nicht zusammen, der Prozess zermürbt und macht entweder zynisch oder korrupt. An anderen Tagen frage ich mich, ob ich nicht einfach zu Feige bin mich eindeutig zu positionieren, mich zu assoziieren. Eine Partei zu unterstützen kann einen ja in Kalamitäten stürzen. Setze ich mich für einen Menschen in der Partei ein, auch wenn er sich unglücklich/dumm/falsch geäußert hat? Ab der wie vielten Richtungsentscheidung „meiner“ Partei die ich nicht unterstütze, muss ich meine Mitgliedschaft in Zweifel ziehen? Ist es vertretbar sich aus pragmatischen Gründen und dem Willen zur Veränderung einer großen Partei anzuschließen, auch, wenn ich in vielerlei Hinsicht anders denke? Ein Dilemma. Es gibt auch Tage, da debattiere ich lang und ausgiebig mit Leuten die anderer Meinung sind und wenn ich ihre Perspektive am Ende nur ein paar Millimeter verschoben habe, fühle ich mich als aktive Demokratin. Vielleicht wird es Zeit sich nach Alternativen umzusehen. Interessensverbände oder Plattformen für bestimmte Anliegen statt einer Partei die fast immer zu breit aufgestellt ist, um meine Haltung zu reflektieren.

  • Kannst du dir vorstellen freiwillig in einer anderen Regierungsform als der Demokratie zu leben? Falls ja, in welcher?
  • Wenn ich sehr betrunken bin, klingt eine Monarchie lustig. Aber sonst? Nein. Ich hab in Geschichte aufgepasst.

  • Hast du schon einmal „aus Protest“ gewählt? Wenn nein, kannst du es dir vorstellen? Oder wäre Nichtwählen deine Form des Protests?
  • Nein. Der Gedanke kam schon auf, aber am Ende saß ich jedes Mal vor meinem Wahlzettel und war mir zu bewußt, dass selbst eine einzelne Stimme eben doch zählt. Weil es immer auch Menschen geben könnte, die eine solche Wahl ernst nehmen. Wobei ich Stimmen für Nischenparteien nicht als Protest empfinde. Es ist halt Demokratie light. Ich könnte z.B. die Partei zum Schutz der deutschen Grammatik (die sollte es geben) wählen und hätte zwar vollumfänglich und mit bestem Gewissen meine Stimme abgegeben, hätte aber halt keinerlei Einfluss auf die Koaltionsbildung. Im Übrigen dazu: Siehe Antwort 1. Demokratie heißt Veränderung. Wenn ich genug Menschen von der Partei zum Schutz der deutschen Grammatik (PSG?) überzeuge, sitzt sie vielleicht irgendwann im Landtag/Bundestag.
    Und Nichtwählen ist halt irgendwie feige. Verständlich, nachvollziehbar und in Zeiten von scheinbarer Dauerstreiterei auch verführerisch – aber feige. (Außerdem bin ich am Ende des Tages die Tochter meines Vaters und während das Verständnis für Töchter grundsätzlich keine Grenzen kennt, es endet ziemlich sicher beim Verweigern des Mitspracherechts.)

  • Zusammenarbeit und Kommunikation mit dem politischen Gegner – unter allen Umständen? Gibt es eine Alternative zur Diplomatie?
  • Ach herrje. It’s complicated. Oder eigentlich nicht. Weil die bis hierher getesteten Alternativen zum komplizierten Tanz der Diplomatie kosten am Ende mehr. Sanktionen treffen Menschen, die vielleicht gern ein demokratisches Mitspracherecht hätten und Krieg ist, nunja, Krieg. Also ja, so lange niemand Protokoll Dr. Strangelove initiiert, wird geredet. Auch mit Diktatoren, Idioten und Seehofern. Verhandeln, aushandeln, zähe Schritte gehen. Egos streicheln und notfalls die Presse nur mit der halben Wahrheit füttern. Wenn viele Jahre später die Aufzeichnungen auftauchen und wir erschrocken lernen, dass es vor vielen Jahren mal Spitz auf Knopf stand, wie wir hier sagen, sind Absprachen im Halbdunkel einer Eskalation vorzuziehen. Die einzigen Revolutionen die funktioniert haben, begannen mit einer Mehrheit die sich abgestimmt hat. Ob Paris oder Berlin, also kopflos oder blutarm, letztendlich muss am Ende jemand die Verantwortung übernehmen und bereit sein das entstandene Chaos aufzuräumen. Demokratie ist ein hartes Brot, aber man kann es teilen. Man kann es lehren und sich gegenseitig dafür respektieren, dass man sich an die Regeln hält. Der Demokrat, der mit einem Diktator spricht, wirkt zunächst womöglich schwächer. Aber sein Kopf wird oben gehalten von jedem einzelnen Wähler, der sich bewusst für ihn entschieden hat. Und vom Gegenwind, den er kennt, weil er dank der Demokratie weiß wie man andere Meinungen aushält.

Mein Wunsch wäre, dass so viele Blogger wie möglich die Fragen aufgreifen. Bis dahin freue ich mich besonders über die Antworten von Tim, der Kaltmamsell und, wenn sie wieder aus dem Urlaub da ist, Anne.

parlo italiano – also ein bisschen

Duolingo  Home

150 Tage Duolingo – funktioniert das tatsächlich?

Am Dienstag war es dann soweit, ich habe einen kleinen Sprachlernmeilenstein erreicht. Natürlich, 150 Tage sind im Grunde gar nichts, aber für jemanden der sich das mit der weiteren Fremdsprache (hier üblichen Komplex zum zweiten Bildungsweg) schon sehr, sehr lang vornimmt, eben doch. Spanisch hatte ich in der Schule mal probiert, Italienisch während des Studiums aus reiner Notwehr. Ich neige nämlich dazu von Besuchern aus anderen Ländern angesprochen zu werden, in der Hoffnung, sie hätten eine der Ihren gefunden.

Es lief also auf Italienisch oder Farsi raus. Und nix wie ungut, da gehe ich dann den romanischen Weg, der Pasta enthält.

Jedenfalls, meine zwei Semester Italienisch an der Uni waren längst wieder in den Hirnwindungen versandet und abgesehen von ein paar Vokabeln langte es kaum zum Essen bestellen.
Zu Beginn des Jahres also die grobe Idee (ich wollte es natürlich nicht Vorsatz nennen) es mal mit einem dieser Onlineportale zu versuchen. Bubble. Duolingo. Irgendwas mit gamefication und lustigen Grafiken halt. Wobei dieser Level up – Anreiz bei mir nie so gegriffen hat wie bei anderen. (which is for another therapy session)

Aus reinem Zufall ist es dann Duolingo geworden, ein eigentlich klassiches System mit einfließenden neuen Vokabeln und kleinen thematisch gebundenen Grammatik-Lektionen. Zwar bis dato nur mit Grundsprache English – man lernt also nicht Deutsch/Italienisch sondern English/Italienisch, aber so wird halt nebenher auch noch der Muskel trainiert. Win win. Oder so. Sprechübungen sind optional, wodurch man die App auch mal zur Überbrückung von Wartezeiten nutzen kann.

Das trügerische am Italienischen ist ja: es ist eine romanische Sprache, jede vierte Vokabel kommt einem eh irgendwie bekannt vor, solange man im Präsens bleibt flutscht auch das theoretische Verständnis und – husch – hat man sich die ersten vier Level hochgearbeitet. Na das wird doch! denkt das Hirn, das längst vergessen hat wie man sich durch seine ersten zwei Jahre English stopselte und es ohne Harry Potter vielleicht nie auf den Level geschafft hätte. Egal. Io studio molto in italiano.

duolingo2

Duolingo macht das außerdem sehr clever. Es gibt ein Punktesystem bei dem man nicht nur 2 Punkte (Lingots) für eine fertige Lektion bekommt, sondern auch für eine bestimmte Anzahl von Tagen am Stück. Der Streak. Oh, damit hatten sie mich. Denn so werden richtig ordentlich Lingots gesammelt. 10 Tage am Stück sind ein Lingot, 100 Tage sind 10 Lingots, für 150 Tage Duollingo werden 15 Lingots draufgepackt.
Und für lausige 10 Lingots kann man sich den praktischen Streak-Freeze kaufen – ein kleiner schmutziger Trick um an einem Tag den Zähler zu halten anstatt den Streak zu beenden.

Das ist meine Art von Ehrgeiz – genug Punkte sammeln, um damit einen Schummeltag zu subventionieren. (Das meint ihr mit diesem Cheat-Day-Diät Blödsinn, gell? Herrje.)

Theoretisch kann man mit diesem Lingots auch den eigenen Ehrgeiz pushen und zusätzliche Lektionen kaufen, z.B. „Flirten“. (Ja klar, als würde das bei mir irgendwas…) Eins der Nebenprojekte von Duolingo ist außerdem, dass die Community (nun, für den der’s mag) quasi gemeinsam Dokumente in die Kurssprache übersetzt. Wer da fleißig ist, kann weitere Lingots sammeln – aber sein’s mir nicht bös, ich mag es wenn Profis Sachen übersetzen.

Was bei mir hervorragend greift: OCD-Tendenzen ausnutzen. Weil, wenn man bestimmte Lektionen nicht regelmäßig übt, ändert sich ihr hübsch gülden eingefärbtes Aussehen wieder.

duolingo3

Und das ertrage ich nur ganz schlecht. Also mache ich nicht nur meine 2-4 Übungen des neuen Stoffes jeden Tag, nein, ich plane längst Zeit ein, um wenigstens die meisten der nicht mehr hübsch eingefärbten Felder wieder anzugleichen.

Menschen – so simpel manchmal.

Nach also nicht ganz fünf Monaten behauptet Duolingo ich wäre 50% fluent in Italienisch – was natürlich Mumpitz ist. Ich habe ein Grundverständnis für die Sprache entwickelt, mehr nicht. Der bei etlichen Verben notwendige passive Satzbau (piacere ist da das kleinste Übel), die ulkige Bildung von Vergangenheiten (averse, essere – ach, Wüfeln wir mal) und ein Hang zu sehr ähnlich klingenden aber entscheidenden Worten (lo, l’ho – ach, mal so mal so) bringt ganz langsam zum Vorschein, dass Italienisch – wie jede andere Sprache auch – vor Außnahmen, Spezialfällen und historisch bedingen Seltsamkeiten (Tavolo, tavola) nur so strotzt. Es hilft nichts, wer Italienisch lernen will, wird einiges über Italien lernen. (Sie wären überrascht wie vielen Menschen das nicht klar ist.)

Eine Sprache lernen heißt wiederholen. Und wiederholen. Und wiederholen. Und ärgern, wiederholen, nochmal falsch machen, wiederholen.

Ma è divertente ed tutto souna meglio in italiano

P.S.: Sollten Sie das jetzt ausprobieren und bei den Foren erschrecken weil sich da wohl eine interessante Subspezies Mensch gefunden hat, die gern 4 bis 8 Sprachen gleichzeitig lernt – nicht einschüchtern lassen. Das sind überraschend viele Amerikaner die ihren kulturhistorischen Komplex damit ein bisschen ausgleichen. Bless them.