The future teaches you to be alone
The present to be afraid and cold
So if I can shoot rabbits
Then I can shoot fascists

Bullets for your brain today
But we’ll forget it all again
Monuments put from pen to paper
Turns me into a gutless wonder

And if you tolerate this
Then your children will be next
And if you tolerate this
Then your children will be next
Will be next
Will be next
Will be next

Ich sitze im Zug von Ulm nach München, als ich via Twitter auf meinem Handydisplay irgendwas von einem Amoklauf lese. Ansbach, eine Schule. Natürlich eine Schule.
Und ich kann mich nicht mehr empören.

Als in Erfurt ein Junge, man kann kaum Mann sagen, Amok läuft, bin ich in der 10. Klasse der Realschule. Tage vorher hatten wir einen Klassenkameraden, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war beerdigt. Der Verlust war noch frisch, wenn auch nicht so dramatisch. Wir sind hier auf dem Land und fast jeder Jahrgang ab der Mittelstufe verliert Jemanden an die teuflische Bundesstraße. It happens.

Die Bilder aus dem Gymnasium gingen mir damals noch nahe, die Trauer und die Wut der Mitschüler, Lehrer und Eltern. In den nächsten Tagen wird Roberts Leben filetiert. Die Medien setzen ein für alle mal das Bild vom Einzelgänger fest, der seine Freizeit mit Waffen und Computerspielen verbringt. Und damit sind natürlich nicht die Sims gemeint.

Erfurt, Winnenden, Ansbach. Die Kreisläufe von Schock, Trauer, Empörung und den Forderungen an Politik und Medien werden austauschbar. Waffengesetze, Killerspielverbote, Bildungspolitik, bla, bla.
Ein paar Tage, vielleicht Wochen später, verklingen die Diskussionen.

    Und eines Morgens klopfen sich alle im Landtag wieder auf die Schulter, weil man noch ein Schuljahr bis zum Abitur gekürzt hat.
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    Der Schulranzen des Jungen ist fast genauso groß wie er selbst. Er wandert ziellos durch das Einkaufszentrum. Als er versucht eine Jacke zu stehlen, wird er erwischt. Die Polizei bringt ihn nach Hause und seine Mutter erfährt, dass er seit Wochen nicht mehr in der Schule war. Es war die gleiche Jacke wie die, die ihm die Jungs aus der vierten Klasse abgenommen haben.
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    Ein Mädchen kommt nach der Pause wieder ins Klassenzimmer. Irgendein Mitschüler hat ihren Tisch wieder ans hintere Ende des Raums gestellt, so wie jeden Tag. Noch am gleichen Abend schluckt sie alle Tabletten die sie im Haus findet. Sie weint als sie merkt, dass keine Schlafmittel dabei sind.
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    Ein Direktor unterschreibt einen Schulverweiß weil der Schüler seinen Mathelehrer ein Arschloch genannt hat. Dass der Mathelehrer schwache Schüler gerne vorführt und den Jungen einen Waschlappen genannt hat? Irrelevant.
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    In ihrem Kinderzimmer mit dem Miley-Cyrus Poster sitzt ein junges Mädchen, ein Teenager, und schneidet sich die Pulsadern auf. Eine Klassenkameradin hat eine Gruppe im SchülerVZ gegründet, nur um sie wissen zu lassen wie häßlich alle sie finden.
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    Alle außer ihm haben einen Plan für die Zeit nach dem Abitur. Er hat keinen Studienplatz bekommen, keine Ahnung was er überhaupt will. Sein Vater sieht das nicht ein, dann soll er halt arbeiten. Bier, mehr als er trinken kann, jeden Abend. Als im Oktober die früheren Klassenkameraden ihr Studium beginnen prallt er mit seinem Auto frontal in ein anderes Auto. Schädelhirn-Trauma. Die junge Frau aus dem anderen Auto ist tot.
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    Die Hochschule hat die Studienordnung geändert, damit nicht so viele Studenten wegen einer Prüfung länger studieren müssen. Eine handvoll betroffene Studenten stellt einen Antrag, damit sie auch weiter studieren können. Alle haben irgendeinen Grund. Zeit, Geld, Aufwand. Der Student mit dem Auslandspraktikum darf weitermachen. Der Student mit der verletzten Hand und die Studentin mit dem Bankkredit nicht.
    Nach der Besprechung mit dem negativen Bescheid, steht die Studentin vor dem häßlichen Neubau der Hochschule.

Und ich stand da, und habe mich gefragt warum ich nicht in Chemie besser aufgepasst hatte. sonst könnte ich auf die Schnelle eine Bombe bauen, das wäre nett. Weil ich mir nur selten im Leben etwas so gewünscht habe, wie diesen Betonklotz einstürzen zu sehen. Inklusive der Dame von der Prüfungskommission, die eine so sichtliche Freude daran hatte mir zu erklären, dass Bewertungsspielraum nun mal Bewertungsspielraum ist und es einfach mein Pech ist, dass sie den Aufwand für ein Auslandspraktikum anders bewertet als einen Bankkredit oder eine Förderungshöchstdauer. Oder eine kaputte Hand.

Wenn wir jetzt hier jeden durchlassen, der Krank ist, tun sich die Leute am Ende selbst noch was an. (Anm. d. Verf.: Welches Licht das auf das Studentenbild der entsprechenden Dame wirft, ist mir bis heute noch nicht klar.)

Es gibt mittlerweile eine Reihe von Psychologen, die bezeichnen diese Sorte Amoklauf als erweiterten Suizid. Und wer es nicht besser weiß fragt dann natürlich, aber warum bringen sie sich nicht einfach um, wenn sie sterben wollen?

Weil die Verzweiflung groß ist, aber nicht annähernd so massiv wie die Wut, die sie nicht anders artikulieren können. Die auch oft nicht anders gehört wird. Traditionell neigen Mädchen dann eher zu Autoaggression, sie ritzen oder greifen mittlerweile auch zu hohen Dosen von Rauschmitteln. Nach einem Versuch eines Mädchens vor einigen Wochen (ja, das hattet ihr schon wieder vergessen, oder?) ist es eine Frage der Zeit, bis das Bild des düsteren Jungen als klassischem Amokläufer überdacht werden muss.
Tatsächlich ist die Gruppe der potentiellen Täter so groß, dass man Angst bekommen sollte.

Nach allem was ich erlebt habe, bemerke ich mit ein bisschen Unbehagen, dass mein Mitleid, meine Trauer ,mehr den je bei den Tätern liegt. Diese Jungen Menschen halten sich an ihren Waffen, an ihrer Wut fest, weil es nichts und auch niemanden gibt der sie aufrichtet. Weil sie, noch bevor sie einen Begriff von der Welt haben, nichts mehr sehen außer ihre scheinbar ausweglose Situation.

Und mit soviel Wut kann man nicht einfach leise gehen, sich umbringen ohne einen letzten Versuch klar zu machen, warum man das tut. Euretwegen nämlich, das wollen sie sagen. Weil ihr mich gedemütigt habt, weil ihr ungerecht seid, weil ihr mir nicht zuhört und nur fordert. Weil ich nicht mehr kann. Und wohin sonst mit all der Wut?

Es ist die Kernfrage über die Niemand reden will. Denn es wird sich nicht verhindern lassen, dass Teenager grausam, Lehrer ungerecht und Eltern vernachlässigend sind. Wenigstens hin und wieder. Also wohin mit der Wut?

Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Und all die Experten, Politiker, Journalisten und Pädagogen, sie wissen es auch nicht. Darum wollen sie Gesetze, Verbote und solchen Blödsinn. Das schlimmste daran? Was sie in ihrer Angst beschließen, es schürt nur noch mehr Wut. Sie bauen aus Panik Zäune um das Leben und wundern sich wenn sie jemand mit Gewalt niederreißen will.

Und manchmal, wenn mal wieder jemand nicht merkt, dass er mich wütend macht, da denke ich, dass jede Gesellschaft die Verbrechen bekommt, die sie verdient.

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Ein Gedanke zu „Es gibt Menschen, die breiten die Arme nur aus, damit sie ihre Ellbogen besser in Position bringen können

  1. Hatte es gelesen und musste dann in Urlaub. Jetzt hab ich mich wieder daran erinnert.

    Ich dachte immer, ich bin irgendwie anders, weil ich im ersten Moment irgendwie Mitleid mit dem Täter empfand. Wie viel Hass und Demütigung führen wohl zu so einer Tat? Das soll es natürlich nicht entschuldigen, aber ich verstehe ein wenig. Und ich wünschte, wir hätten uns bereits viel früher kennengelernt *drück*.

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