Innenstädtisches

kaufingerstrasse, munich
Die Kaufingerstrasse. Versuchen sie hier mal, ein hübsches Café zu finden.

Heute Nachmittag stand ich das erste Mal seit langem wieder in einem H&M. Was nichts zur Sache tut, weil der H&M auch ein New Yorker, ein Pimkie oder weißderGeierwelcheKette sein könnte.

Zuerst wurde ich aggressiv. Weil die Qualität so mies ist. Die meisten Dinge häßlich. Also so ein normaler Einkaufs-Aufreger.1 Aber dann hab ich mich umgeschaut. Und wurde traurig.

In dem Laden waren fast nur junge Mädchen. Irgendwo zwischen 12 und 18. Wobei manche vermutlich schon 21 waren, aber eben noch wie 17 aussehen. Und das meine ich nicht nett. Ich bin dafür, dass Erwachsene anders aussehen als Kinder. Und 17jährige sind eben doch auch noch Kinder. Keine Sorge, ihr sollt solange rumhipstern und Girliepink tragen wie ihr wollt, auch egal. 2
Was sie viel mehr vereint hat, war ihr leerer Blick. Ihre Getriebenheit davon, das perfekte Oberteil zu finden. Das perfekte Oberteil für den jetzigen Trend, der satte 14 Tage halten wird. Ihre Gesichter sind so ausdruckslos.

Aber wer Geld für George Gina Lucy – Taschen hat, sollte genug Selbstachtung haben, nicht die gleiche Skinny-Jeans wie 9832743 andere Mädchen zu tragen. Aber was sag ich.
Da war eine Gruppe solcher Mädchen, vielleicht 5 junge Frauen knapp nach der Pubertät. Sie verglichen die Einkäufe und probierten Stücke, redeten dabei von ihren unterschiedlichen Stilen, ihrer Individualität. Jede trug bunte Turnschuhe, hatte die Haare schlampig aber stylish hochgesteckt, die langen dünnen Beine steckten in hellen, zerfransten Jeans. Die Taschen waren klobig, der Schmuck glitzerte ein bisschen zu heftig.
Vermutlich meinten sie mit Individualität ihre Band T-Shirts. Da waren wirklich unterschiedliche Bands drauf. Und einmal Lady Gaga.

Dann musste ich an Borders denken, die britische Buchhandelskette, die diese Woche bekannt gab, dass alle 399 Filialen im UK geschlossen werden würden. 10.000 Jobs weniger. 399 Buchläden weniger. 399 Gelegenheiten zum Innehalten, zum Schmökern weniger.

Jetzt warte ich darauf, dass es H&M genauso geht. Dass die vielen guten Online-Shops das Aus dieser seelenlosen Konsumterrorläden bedeuten. Dass das Internet mit seinem drölfiztausend Möglichkeiten die Herstellungshallen des Jugendwahns aussterben lässt.

Bis unsere Innenstädte gereinigt sind von dem Krempel. Und Neues wachsen kann. Kleine Läden. Wo die Besitzer noch im Laden arbeiten, anstatt eine Kette von 720 Läden zu verwalten. Cafès mit selbstgebackenem Schokokuchen und einem Klecks Sahne. Kleine, absonderliche Innenstadtkinos. Schneidereien, in die man den Stoff der Träume trägt um daraus ein Kleid machen zu lassen, dass die schönsten Momente der nächsten 5 Jahre begleitet.
Weil ein Kleid, dass mir passt und steht auch dann an mir gut aussieht, wenn der Trend zu Bleistiftröcken mit durchsichtigen Blusen grade nicht zu mir passt.
Ein Schmuckladen, der neben ein paar handgeschmiedeten teuren Dingen auch Holzperlenketten hat. Und Kästen, in denen nur Perlen sind, aus denen man sich eine Kette zusammenstellen kann.

Mit Bücherläden in denen genug Sofas stehen, auf denen man sitzen und blättern kann. Ledermanufakturen. Damit die Mädchen nicht jeden Tag im H&M ein Teil kaufen, sondern solange vor der Auslage lange Zähne bekommen, bis sie ihr Taschengeld sparen und sich eine langlebige Tasche nach ihren Vorstellungen zulegen. Etwas, das niemand anders hat. Etwas, das ihre Individualität unterstreicht.

Damit ihre, damit unsere Schränke nicht mehr voller Zeug sind, das wir zwar haben wollen, aber kaum brauchen und wir stattdessen unser Leben mit Erinnerungen von Nachmittagen zwischen Perlen und Schokokuchen verbringen.

Wenn sich jetzt hier jemand down fühlen sollte, dem sei gesagt: Es gibt sie, die anderen. Eine davon ist Mirka, die aus der Sockenschublade darüber bloggt und twittert. Wenn es nicht gerade um Vampire Diaries geht. Ihr sollte man öfter applaudieren.

  1. Und das liegt nicht nur daran, dass ich in diesem Leben wohl in keine der dort angebotenen Hosen passen werden. Also fast nicht.
  2. Bevor es hier heißt, ich redee nur die Mädchen schlecht. Nein, die Jungs stehen genauso leeren Blickes bei MediaMarkt und im Turnschuhladen. Dass ich sie hier nicht weiter erwähne, liegt daran, dass es so poetischer klingt. Und das hier mein Blog ist.

9 thoughts to “Innenstädtisches”

  1. „Ihr sollte man öfter applaudieren.“ Wow, jetzt bin ich schon sehr gerührt. Allgemein: Danke für diesen wundervollen, wahren, nachdenklichen Text. Deine Utopie von den kleinen Läden möchte ich unterstreichen, ich träume schon seit Jahren von einer Buchhandlung mit integrierter Konditorei, wo Bücher und Muffins, Moleskins und Pralinen, Leselampen und Schokotorten verkauft werden. Wo Menschen glücklich gemacht und Träume erfüllt werden. Sollten kleine Läden wieder gefragter werden, dann mache ich das eines Tages. Und werde darin sowas von meine Ökomode rocken, in die ich mich nicht reinhungern musste, dass H&M freiwillig schließt.

  2. Es gibt solche Läden doch auch, bloß halt ned in der Kaufingerstraße oder der Maximilian. Einfach mal ein bisschen in Schwabing umschauen. Aber ich vermute, daß weißt du besser als ich. Kaufinger/Maximilian sind halt einfach „Konsumterrorstraßen“…

    Trotzdem ein sehr netter und wirklich tiefgründiger Text!

    1. Klar, grade in München gibt es diese Ecke. Wobei mir die Erkenntnis im schlechter besetzten Rosenheim kam. Grade in so mittelgroßen Kreisstädten machen sich oft nur die Ketten breit, das ist schade.

    1. Aber nicht doch! Ich hätte angerufen, natürlich.

      Ich stand in der deprimierenden Rosenheim-City. Die ist fest in Franchise-Hand. Die Kaufingerstrasse ist nur ein Beispiel, das mehr Leute kennen. Ich war da schon ewig nicht mehr. Schwabing FTW!

  3. achja. da kann ich nur beipflichten und widersprechen.
    beipflichten, weil ich das gefühl so gut kenne. und erst letztens wieder traurig mit leeren händen aus einem h&m geflohen bin. ich wollte einfach nichts mehr kaufen, als ich die kundschaft sah.
    widersprechen, weil ich in ebensolchen kleinen läden und restaurants schon gearbeitet habe, momentan arbeite. natürlich ist es schön dort. wunderbar. leckerer kuchen, perlen zum selberbasteln, handerlesene bücher, gute musik. nette menschen, ruhe, zeit, schönheit. und schlechte bezahlung, manchmal gar keine kundschaft, ein täglicher kampf ums überleben. ein leben in der utopie hat eben auch seinen preis. da muss man arbeiten, bis das eigene privatleben verschwindet, sämtliche freundschaften längst eingeschlafen sind.

    1. Das ist grundsätzlich natürlich wahr. In meiner Utopie würden die kleinen Läden natürlich davon profitieren, dass die Ketten aus der Innenstadt vertrieben werden. Aber allein das Internet bietet so viele Möglichkeiten auch individuelle Dinge zu kaufen – da ist es tatsächlich ein hartes Brot.

      Andererseits kann ich aus Erfahrung sagen, dass, wenn es konsequent gemacht wird, eine solche Ansammlung kleiner, einzigartiger Läden eine eigene Attraktion wird und sogar überdurchschnittlich viele Menschen anzieht.

      Es geht im Kleinen los. Ich kaufe so gut wie alle Bücher in meiner Lieblingsbuchhandlung und gehe dabei immer noch einen Kaffee trinken. Mit Bio-Lebensmitteln hat’s ja auch funktioniert, da hat die Nachfrage irgendwann den Markt gepusht. Vielleicht geht es hier auch.

      1. Schön gesagt – vertrete da einen ähnlichen Standpunkt. Meine Bücher bestelle ich seit einer Weile auch nur noch in meiner kleinen Lieblingsbuchhandlung und versuche, so weit wie möglich, lokale, kleine Läden zu unterstützen.

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