„Haben sie eigentlich italienische Vorfahren?“

Die Amts-Mitarbeiterin lacht mich enthusiastisch an. Fast will man ihr irgendetwas Nettes sagen. Ich zögere wohl einen Moment zu lange.

„Oh, sie werden das oft gefragt, oder?“
Ich nicke, grinse. Und sage „Aber das ist schon einige Generationen her.“.

Das auf dem Schoß meiner Großmutter ist kein kleines Mädchen, sondern mein Vater.

Graublaue Augen, eine Stupsnase, kleine Lippen wie eine Porzellanpuppe. Hautfarbe möchte ich dieses gipsige etwas gar nicht nennen. Aber es hilft nichts. Die Haare sind dunkelbraunfastschwarz und locken sich in dicken Strähnen über meine Schultern. Mehr braucht es nicht. Und es wird nicht besser, wenn mich meine Schwester mit ihren großen braunen Augen und dem Teint einer brasilianischen Strandbewohnerin abholt.

Nun sind meine Eltern und meine Großeltern in bayerischen Gefilden geboren und herangewachsen. Aber Gene sind eine lustige Angelegenheit.

Als meine Großmutter, die huldvolle Donna Dora, letzten Herbst verstarb, konnte sich die ganze Kirchengemeinde mal wieder davon überzeugen. Im Zug hinter dem Sarg mein Vater und mein Onkel – ihre Söhne also – , die aussehen als hätte man sie von der Arbeit auf einem sizilianischen Weinberg geholt. Dahinter die Cousinen D. , M. R. V. und F. Saubere bayerische Bauernmädel. Sie ziehen bereits eine Schaar Urenkel hinter sich her. Sie wuseln in ihren Dirndl durch die Menge. Zwar hat D. die dicken Haare und F. die Locken geerbt, aber sie ist blond wie der Sonnenschein und wirkt dadurch eher fehl am Platz.
Das Tuscheln beginnt bei mir und meiner Schwester. Sie sieht fast zu exotisch aus. Obwohl es ende Oktober ist, sieht sie braungebrannt aus. Die kurzen Haare, das große Lächeln – einen Tick zu hübsch für das Dorf, aus dem wir schon vor Jahren weggezogen sind.
Dann ich. Sie erinnern sich noch an das kleine Mädchen, das so freundlich alle gegrüßt hat. Darauf war Donna Dora sehr stolz. Auch auf mein schnelles Mundwerk. Dee kimd aba nooch earna, Frau Dora. Bis auf die Nase entspricht mein Profil heute fast exakt ihrem. Nur trug sie ihre Haare immer hochgesteckt.

Einmal hab ich als 8jährige gesehen, wie die Großmutter ihre Haarnadeln aus dem Dutt löste und die Haare bis zur ihrer Hüfte herunter fielen. Da war sie schon über 60. Und bis auf die grauen Strähnen außen, da wo sie mit Licht und Luft in Berührung gekommen waren, waren sie so Schwarz wie das sprichwörtliche Ebenholz.

Wenn ich irgendwann viel Zeit und Muse habe, werd ich doch noch diesen Familienroman schreiben. In dessen Zentrum die junge Donna Dora steht. Klug und Schön und eigentlich zu eigensinnig für die Umstände in die sie hinein geboren wird. Wäre sie heute eine junge Frau würde sie kaum den älteren Bauern heiraten, sondern eher ein Unternehmen leiten oder Bürgermeisterin werden. Sie hatte Autorität und Biss.
Sie war daher nicht unbedingt eine warme, sehr kuschelige Oma, aber eine beeindruckende. Und die beste Erklärung für viele meiner Eigenschaften heute.1

Meine Güte, da bin ich aber weit abgeschweift.

Eigentlich wollte ich erzählen, warum sich ein einzelner Gen-Strang mit solcher Wucht durch die Generationen zieht. Wissen sie, meine Großmutter war auch gern mysteriös. Außerdem entsprach ihre Herkunft nicht ihrem natürlichen Drang in höhere Gefilde der Gesellschaft.
Dabei war meine Urgroßmutter vermutlich nur sehr lebenslustig.

Die Halbgeschwister meiner Großmutter waren Bauernkinder, nachdem die kurze Verbindung mit einem Kaufmann ergebnislos blieb, wie Donna Dora es nannte. Sie und ihr Bruder, der wilde Geschichtenerzähler der Familie, waren aber die ältesten Kinder.

Mein Urgroßvater väterlicherseits, eigentlich großmütterlicherseits, ist eine wage, dunkle Gestalt in den Geschichten, die auf Familienfeiern nach einigen Gläsern selbst angesetztem Erdbeerlimes erzählt werden. Aber erst, wenn meine Großmutter sich zurück gezogen hatte. Damit sie sich nicht aufregt.
Dann jedoch legte ihr Bruder Sepp los. Dabei ergänzte allein sein Wesen die Frage nach meinen Ahnen schon sehr gut. Er genießt das Leben, die Frauen. Zum Gehen braucht er schon lang einen Stock, da kaufte er sich einen Sportwagen-Oldtimer.

Jedenfalls sagte er gern, sein Vater war im Grunde ein Freiheitskämpfer. Wofür oder gegen wen er gekämpft hat, konnte er nicht genau sagen, aber ein hinterlistiger, toller Kerl soll er gewesen sein. Und die Sache mit dem abgebrannten Hof damals war bestimmt eine Verschwörung. So verschwand er nämlich aus dem Leben meiner Urgroßmutter. Ein benachbarter Hof war fast komplett herunter gebrannt, Brandstiftung sagte die Feuerwehr. Daraufhin sagte der Gendarm (!), der exotische Fremde mit den dunklen Augen und schwarzen Haaren, den meine Urgroßmutter geheiratet hatte, sei verdächtig.

Er wurde ein paar Tage eingesperrt. Es fand sich nichts, was die Anschuldigungen bestätigte. Als man ihn frei lies, verschwand er. Sepp sagte, dass es eine Handvoll Männer im Dorf gab, die seine Mutter haben wollten und denen kam es gerade recht.

So weit, so irgendwie glaubwürdig. Aber wer war er denn, woher kam er?
Nun, Großonkel Sepp lehnte sich dann gern nach vorn und erzählte eine von vielen Versionen davon, woher mein Urgroßvater gekommen war.
Zuerst war er aus Südtirol und auf Wanderschaft als Handwerker hängen geblieben. Dazu passt der der Mädchenname meiner Großmutter tatsächlich. Ein andermal war er ein neapolitanischer Verbrecher, der über die Alpen floh und in dem kleinen Dorf ein neues Leben anfing. Meine Lieblingsvariante ist die vom Sandler aus der Toskana, der wegen zu viel Ärger mit den Frauen, also eigentlich deren Männern, weg musste. Ein Sandler ist dabei jemand ohne genaue Tätigkeit, eine charmante Version des Taugenichts.

Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen, wie immer. Fest steht: nicht nur der Phänotyp, auch das Temperament und der Hang dazu mit den Händen zu reden, sind auf ewig Teil unserer Gen-Masse. Vielleicht ist es genau dieser Teil, der dafür sorgt, dass es sich wie nach Hause kommen anfühlt, sobald ich den Brenner überquere. Und wer weiß wann und wo meine Ahnen noch zu mir sprechen. Ich sollte mir ein Glas Wein einschenken und ihnen lauschen.

  1. Nicht, dass sie sich nicht gekümmert hätte, nein! Liebevoll gestrichene Semmeln mit einer Schicht Butter unter der Streichwurst, wenn wir draußen gespielt haben. Wenn wir, bzw. ich, mit einem aufgeschürften Knie zurück kamen, saß ich in der alten Küche des Hofs (mit Holzofen!) und bekam eine Geschichte erzählt, während sie einen Viertelliter Jod auf dem Knie verteilte. Ich erinnere mich noch an den Geruch dort. In der Küche wurde immer irgendetwas gebacken oder gekocht, viel Sahne geschlagen. Vom Hausgang kam ein leichter Dunst vom Stall herein, gemischt mit Heu.

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