Wenn das dann ohne mich

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Zuerst wollte ich einen netten kleinen Nerdbeitrag zu iftt (if THIS then THAT) schreiben, ein Service, der viele unserer Anlaufstellen im Internet verknüpfen und ergänzen kann.
Dann kamen die ganzen Facebook-Ankündigungen. Timeline! Daten! Dein Leben gehört jetzt Facebook!

Plötzlich wirkte es ganz schön dämlich, einerseits iftt zu loben und mich andererseits über Facebook aufzuregen. Also geht es jetzt, ziemlich durcheinander, ein bisschen um beides.

Kurz ein paar erklärende Worte zu ifttt. Im Grunde ist es der Dominostein zwischen zwei Internetdiensten, der umfällt, wenn Dienst 1 etwas tut und damit bei Dienst 2 etwas anschiebt. Bei ifttt heißt so etwas “recipe” also Rezept. Damit so ein Rezept funktioniert, muss ich es meinem ifttt-Account entweder selbst als “Task” eingeben, oder von bestehenden Rezepten anderer User übernehmen. Ich weiß, das klingt sehr theoretisch bis hierher. Hier mal ein Beispiel aus meinem Account:

Von der Twitter DM zur Evernote-Notiz

Das heißt übersetzt: wenn ich bei Twitter eine DM bekomme, wandert diese als Notiz in ein vorher definiertes Notizbuch bei Evernote. Es wird also ein Backup davon erstellt. Ähnliche Dinge habe ich für Facebook und Posterous, Tumblr-Posts die ich mag oder Artikel im GoogleReader die ich teile, eingestellt.

Persönlich nutze ich ifttt also vor allem, um Backups von den vielen Dingen die ich im Internet publiziere zu machen. Dabei kann es noch viel mehr. An Dinge erinnern, das Wetter per SMS zustellen, Dinge in mehreren Streams gleichzeitig posten etc. Also ein ziemlich praktisches kleines Ding. Wem es zu kompliziert ist, eine eigene Task zu erstellen sollte erstmal durch die vielen Recipes der anderen User blättern oder diesen Artikel bei Lifehacker lesen, der die Basics ausführlich erklärt.

ABER. Damit hat ifttt theoretisch Zugang zu den vielen Diensten, die ich nutze – schließlich muss es darauf zugreifen können, um die Tasks auszuführen. Dazu muss man sagen, dass ifttt meines Wissens nach nur oAuth-Verfahren bzw. APIs nutzt, um sich diese Zugriffserlaubnis zu holen. Das bedeutet ohne großes Technik-Blabla, dass ifttt quasi bei meinem Twitter-Account “anfragt”, ob es sich die DMs holen darf und ich die Erlaubnis erteile. Dabei werden keine Login-Daten oder gar die DMs bei ifttt selbst gespeichert.

Facebook verwechselt User-Freundlichkeit mit automatisiertem Content

Ifttt darf also soviel, wie ich erlaube. Das kann ich ziemlich detailgenau definieren und bei Bedarf zurück nehmen. Und damit wären wir beim großen Unterschied zu Facebook. Wer noch nicht mitbekommen hat (unter welchem Stein lebst du und kann ich da mit einziehen?), wie sich Zauberzwerg Zuckerberg die Zukunft vorstellt, sollte sich das hier mal kurz durchlesen. Dass ich das Timeline-Gedöns für unfassbar aufgeblasen halte1, weil sich Facebook damit als Zentrum des persönliches Internets definiert, ist dabei gar nicht so relevant. Wichtig ist das hier (aus dem gleichen Artikel):

Previously, apps had to ask every time they shared information about you in your profile. Now, the first time you authorize the app, it will tell you what it’s going to share about you. If you’re cool with that, the app never has to ask you again.

Das bedeutet, dass eine Anwendung bei der ich mich z.B. mit meinem Facebook-Account einlogge (wie Grooveshark o. ä.) auf Facebook postet, welches Lied ich höre. Womöglich sogar jeden einzelnen Song. Das hängt dabei nicht davon ab, wie viel ICH davon posten will, sondern wie oft die App posten will. Ich habe ihr schließlich Zugang gegeben. Damit wird Facebook zur Dokumentationsmaschine, dramatischer als Google es könnte. Denn während Google mit unseren Daten grade mal Werbung auf uns zuschneiden will, will Facebook das alles unseren Freunden zeigen.

Wenn man mich fragt, die schlimmere Alternative. Soll doch Google sich fragen, wofür ich die Schuhgröße von Johnny Depp herausfinden will. Das muss aber meine kleine Schwester nicht wissen, ifyouknowwhatimean.
Damit versucht Facebook eine gefährlich Alles-oder-Nichts-Mentalität ins Internet zu integrieren. Unter dem Deckmantel von Postprivacy (auch so eine saudumme Idee) oder Transparenz, die verhindern soll, dass man Anonym anderen etwas antut. (Das hat Menschen ja immer schon von Beleidigungen abgehalten. Oh wait…), wird ein Cool Kids-Table im Internet aufgestellt. Hey, sagen sie, komm zu uns, wir teilen ständig alles was wir tun oder kaufen oder lesen miteinander! Wer dann nur noch Status-Updates schreibt könnte ja etwas zu verbergen haben.

Das ganze Leben im Internet, ungeschminkt.

Klingt alles sehr nach 1984? Vielleicht. Oder es ist einfach die Art, wie Mark Zuckerberg seine Welt gerne hätte. Aber ich bin nicht der Typ, der die eigenen Fotos gern in der Auslage beim Fotografen sieht, oder sich für RTLs neueste Dokutainement-Horrorshow casten lässt. Obwohl ich öffentlich twittere und blogge, gibt es Dinge, die nicht jeder im Internet wissen muss. Denn die meisten davon, würde er auch im “echten” Leben nicht ohne weiteres erfahren.

Das Internet erweitert mein Leben um genau den Bereich, den ich brauche. Die Vorstellung, dass alleine Facebook gern diesen kompletten Bereich überwachen, dokumentieren und vor allem publizieren will, gefällt mir nicht. Facebook war mal ein Ort wo ich auf eigenen Wunsch interagieren konnte – jetzt soll ich reagieren, wenn ich etwas nicht will.
Natürlich ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass ich meinen Account lösche. Aber ziemlich wahrscheinlich, dass ich alles was einen Berührungspunkt zum restlichen Internet herstellt, erstmal entferne.

Vielleicht sollten die Nerds, die sich so sehr über die neues Features freuen daran erinnern, wie grausam das Leben sein kann, und ob sie auch diese Dinge in ihrer Timeline dokumentiert sehen wollen würden.

  1. Nur mal ganz kurz: hätte mein 13jähriges Ich sich einen Facebook-Account zugelegt, hätte ich diesen spätestens mit 20 komplett löschen müssen, um nicht bis in alle Ewigkeit mit den Dummheiten in Verbindung gebracht zu werden, die ich damals so ins Internet geschrieben habe. Teenager sein ist hart, war es immer schon. In Zeiten des Internets ist es trotzdem wichtig, dass man sich austoben kann, ohne dass einen all das durch die gesamte Online-Lebenszeit hindurch verfolgt. Darum ist die Sache mit der Timeline von Geburt bis Ende eine saudumme Idee. Oder hab nur ich traurige Emo-Gedichte mit 14 auf Geocities veröffentlicht? Eben. Wird sogar Zuckerberg irgendwann feststellen.

One thought to “Wenn das dann ohne mich”

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