Ich liebe die Wissenschaft. Ernsthaft, ich bin ein großer Fan von Physik und Chemie, von Ingenieuren und Biologen. Wissenschaft erklärt die Welt und verbessert unser Leben in unfassbar vielen Bereichen.
Hätte man einen Menschen der 1912 mein Alter hatte gefragt, wie es wohl in 100 Jahren aussieht – hätte dieser Mensch auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt, dass wir uns heute gern darüber beschweren, dass Dinge nicht AUF DER STELLE verfügbar sind und wir unverschämterweise einen vollen Tag auf die High Resolution BlueRay Komplettserienbox warten müssen?
Eher nicht.
Und lassen sie mich gar nicht erst anfangen über Dinge wie medizinischen Fortschritt zu reden. Da werde ich zum Cheerleader.1

Was ich sagen will: Die Wissenschaft ist für mich der Inbegriff von Fortschritt, von Zukunft. (Auch von Klarheit, weil sich so ein Molekül nicht erst positionieren oder verorten muss.) Und natürlich ist nicht alles super was diese hervor bringt. Wir werden uns auch weiterhin neuen ethischen Fragen stellen müssen und werden immer wieder darüber debattieren welcher der richtige Weg ist.
Aber ich glaube, so generell, wird die Zukunft super. Atomare Weltuntergangsszenarien mal ausgenommen. Im Übrigen braucht es Menschen denen die Zukunft positiv am Herzen liegt, sonst wird irgendwann schlicht nicht mehr geforscht und entwickelt. (Und sich fortgepflanzt!)

Die Sache ist die: Mit der Ausnahme von vereinzelten ScienceFuckYeah-Momenten wie lustigen Robotern auf dem Mars und Menschen mit künstlichen Extremitäten bei den Paralympics scheint mir der Zukunftsglaube in Gefahr. (Okay, und wirren Österreichern die aus großen Höhen für Brausehersteller springen. Isjagut.)

Wir hängen an der Nostalgie-Nadel. Ironischerweise insbesondere diejenigen von uns, die sich mit Elan ins Internet und die social Networks werfen. Wo wir dann Katzenbilder mit Flausch-Filter, Kuchenrezepte und anderen Vintage-Kram teilen. Sogar die 8bit sind wieder da! Früher war ALLES SUPER. Oder so.

Hm.

Wobei, reden wir erstmal kurz darüber wer „Wir“ sind, denn wir vergessen sehr oft, dass wir weder eine Mehrheit noch besonders repräsentativ sind. Mich würde ja ein Tag interessieren, an dem sämtliche Studenten, Agenturmitarbeiter, IT-Menschen und diejenigen aus dem erweiterten Medienfeld, sagen wir mal Print und PR nichts im Internet anstellen dürften. Wer bleibt da eigentlich übrig? Und worüber würde geredet, wie würde es dargestellt? Meine Twitter-Timeline zumindest wäre um mindestens die Hälfte gekürzt. Wohl eher zwei Drittel. Auch sonst glaube ich, dass „unser“ Internet dann ein anderes wäre.

Wir also, die sich für gesellschaftlichen Pluralismus begeistern, noch an Migration und Gleichberechtigung glauben, für ein faires Urheberrecht und Möglichkeiten für alle einsetzen, und sei es nur digital, haben uns gleichzeitig ein flauschiges Paralleluniversum voller warmer Erinnerungen gebaut. (Und dann Pinterest. Aber das ist eine eigene Baustelle.)

Was ich verstehen kann. Ich gehöre schließlich zu denen, die sogar gewisse seltsame Traditionen gern erhalten und für die ein Ringen um Bestand und Entwicklung von Traditionen ein Zeichen für einen gesunden kulturelle Austausch gehört. Ich mag es, dass wir darüber diskutieren wo Tradition und Religion sich trennen sollten (haha, trennen. Gut, dass ich keine Vorhaut habe über die ich an dieser Stelle Witze reißen könnte.)

Und natürlich liebe ich Katzenbilder.

Dabei sind wir nicht generell pessimistisch. Kritisch und unsicher ja, aber nicht durchgehend negativ gestimmt. (Obwohl wir verdammt viele Lieferservices am Leben erhalten, insbesondere wenn wir die Bestellung komplett ohne menschlichten Kontakt abwickeln können.)
Aber dieses leichte Unwohlsein in mir will nicht weggehen.
Was wohl viel mit der Tonart der momentanen Nostalgie-Welle zu tun hat. Die ist lieblich und süß, fast klebrig und deswegen so einlullend.
Dabei merken wir manchmal nicht, dass eine Nostalgie-Welle auch eine Bewegung sein kann. Dass wir in westlichen, industrialisierten Ländern noch und immer wieder und, so mein Empfinden, häufiger über eigentlich selbstverständliche, moderne Freiheiten diskutieren.

In den US of A, dem heiligen Land des Fortschritts hängt ein nicht geringer Teil der nächsten Wahl davon ab, ob man(n) Frauen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung lassen will. Ob Homosexuelle wirklich gleichgestellt werden sollen. Und mein persönlicher Liebling der amerikanischen Provinzpolitik: Ob wirklich alle an die wissenschaftliche Theorie der Evolution glauben (!). Unter dem Mantel der freien Rede versucht eine größer werdende Gruppe ihr rückständiges Weltbild voller Dogmen und Religion zu verbreiten. Europa liefert sich diese Diskussion gerade mit dem Islam, in den USA erobern die christlichen Splittergruppen das Parlament.

Auch deren Anhänger stellen Katzenbilder ins Netz. Mit Flauschfilter. Wie Treibholz das von der Nostalgie-Welle an den Strand geworfen wird, unterwandert ihr ’nostalgisches‘, rückständiges Gedankengut unsere Zukunft. Bevor man sich versieht verschaffen sie sich so Gehör und pochen darauf berücksichtigt zu werden, bei der Planung der Zukunft. Dass wir ihren zarten Gemütern nicht zuviel Entwicklung zumuten. Sie sich nicht sofort von ihren sexistischen, homophoben und diffamierenden Denkmustern verabschieden müssen.

Ich weiß. Wer gern Serien über eine Werbeagentur in den sechziger Jahren schaut und Schwarzwälderkirsch-Muffins backt und Filter über seine Fotos legt ist doch noch kein fundamentaler Irgendwas! Im Gegenteil! Natürlich nicht. Aber das ist die Sache mit der Vernetzung. Die Begeisterung für ‚Damals‘ kann eine popkulturelle Vorliebe sein. Oder ein Zeichen dafür, dass das eigene Weltbild auch aus der Zeit kommt.

Das einzige worauf die zweite Gruppe nicht so gut anspricht: Auf die Zukunft. Auf eine stete Entwicklung hin zu einer offenen, demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft. Der beste Weg also, sich von ihnen zu distanzieren ist möglichst diese herauf zu beschwören. Mit dem Hinweiß darauf, was sich schon alles getan hat (Frauenwahlrecht, don’t ask don’t tell, etc.) enthusiastisch zu werden ob all den Dingen die erst noch kommen.

Vielleicht wird es Zeit wieder ein bisschen größer zu denken, wieder anmaßende Ansprüche an die Zukunft zu stellen. Und zwar so laut, so drastisch und pragmatisch, dass die Rückständigen nur noch nach Luft schnappen und nicht dazu kommen sich zu äußern.

Möglicherweise müssen wir dafür auf einigen Zuckerguß, auf ein paar Polkadots und Bilder von Schreibmaschinen verzichten. (Wärt ihr wirklich Vintage, hättet ihr Federn und Tintenfäßer!)
Nicht alles was futuristisch ist, muss Science Fiction sein.

Wenn mich jemand fragen würde, wie das Leben einer jungen Frau im Jahr 2112 wohl aussehen könnte: Es ist voller Möglichkeiten, weil mehr Menschen Zugang zu Bildung haben werden schneller Fortschritte gemacht. Menschen haben unabhängig von Alter, Rasse und Geschlecht die Chance ihr Leben so zu gestalten, wie sie es für richtig halten. Technologie hilft dabei noch vorhandene Hürden abzubauen. Und Religion hat die Funktion von Märchen. Geschichten die davon erzählen, wie die Welt früher einmal war. Ein gruseliger, dunkler Ort.

  1. Ernsthaft, ich kann mir heute normale Schuhe kaufen, weil ein Prof. Dr. med Dipl. Ing. (ja, die gibt es) sich darauf spezialisiert hat Menschen mit komischen und zu kurzen Extremitäten zu helfen. Medizinischer Fortschrit FTW!

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