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Kategorie: Allgemein

Retro

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Neulich schrieb ich jemandem, dass ich keine beste Freundin habe. Mich sogar kaum daran erinnern kann jemals eine gehabt zu haben. Natürlich kann man an dieser Stelle darüber diskutieren, schließlich habe ich eine Schwester und zwar eine von der fantastischen Sorte. Aber eben keine erste-Person-die-informiert-wird außerhalb der Familie.
Auch keine klassische Clique.
Klar, es gibt diese Kreise, die man ansammelt. Frühere Kolleginnen oder andere Verbindungen, die sich über den Job aufgetan haben. Die Rest der ersten Online-Clique anno Jahrtausendwende. Bekannte der Familie. Freunde von Freunden, die man mal hatte. Ich wohne in einem Dorf, da bleiben immer ein paar hängen. Die aktuellen, großartigen Menschen aus diesem Internet, wenn auch leider quer über die Republik verstreut.

Die erste Anlaufstelle?
Mein Blog.

Ich schreibe mehr oder weniger regelmäßig in einem mehr oder weniger Blogformat ins Internet seit ich, puh, 13 ? war. (What up Greymatter-Crowd!) Die erste Isabella, die ihr Herz dem Internet ausgeschüttet hat, war bereits depressiv. Sie war es schon so sehr und so mitten in der Krankheit, dass sie dachte, das wäre einfach ihre Persönlichkeit. Depressionen zu haben, während die gleichaltrigen auf Partys gehen (zu denen ich ja ohnehin nicht eingeladen war) oder die Etikette des gegenseitigen sozialen Austausches lernen, in dem sie über andere Lästern (ich war die, über die gelästert wurde), heißt leider auch, dass die Krankheit versucht sich in die eigene Persönlichkeitsentwicklung einzumischen.

Also habe ich immer alles aufgeschrieben. Nicht zwangsläufig für andere. Auf “publish” zu klicken, hieß schon damals auch Dinge rauszulassen. In den späten Neunzigern, als nur wir Freaks schon online waren und nur die Merkwürdigsten unter uns anfingen über sich selbst Dinge zu verfassen, war ein Blog ein wenig Therapie, ein wenig beste Freundin, ein wenig Abenteuer. Alles, was ich damals nicht hatte.
Erst später ist mir klar geworden, wie sehr dieser Automatismus mein Reaktionsverhalten geprägt hat. Ich rufe niemanden an, um mich auszuheulen. Ich schreibe in keine Whatsapp-Gruppe wie es mir geht. Ich gehe auf Twitter und verlinke traurige Musik. Dann führe ich in meinem Kopf eine komplette Debatte zum Thema, schiebe schon dort Stichworte und Chronologie herum. Ich schreibe im Kopf. Ob es dann ins Blog kommt oder nicht – irgendwo im Hinterstübchen sitzt ein komplett verfasster Eintrag, der schon versucht Dinge in Kontext zu setzen oder Reaktionen vorzugreifen.
Ich bin Redakteur, Kommentator und Historiker meines eigenen Lebens. Es auf andere Weise zu teilen, habe ich kaum gelernt.

Dadurch habe ich ein paar Stärken entwickelt, die mir sogar beruflich nützen. Ich kann in Meetings zum Punkt kommen und alle am Thema halten, weil mein Kopf es ja vorher schon protokolliert hat und daran erinnert, dass wir keinen Platz für mäandernde Themen haben – als gäbe es eine Zeichenbegrenzung. Tatsächlich ist es eine Zeitbegrenzung, aber die Funktionalität ist ähnlich. Wenn ich meinen Standpunkt einbringen muss, dann habe ich dazu im Kopf schon sehr lange Gespräche geführt, pro und contra abgewogen, vielleicht sogar einen weiterführenden, konstruktiven Vorschlag erarbeitet. Ich weiß auch oft welche Wortwahl die gewollte Wirkung erzeugt. Feedback antizipieren und darum sachliche Kritik gut einbauen können – check und check.

Einer der größten Idioten hinsichtlich zwischenmenschlicher Kommunikation sein, die ich so kenne? CHECK.
Referenzen, Meta-Kommentare, anderen Schleifen bauen in denen sie sich verheddern, Pointe vor Freundschaft – alles kein Problem.
Entschuldigen, Hilfe erfragen, um Zeit oder Abstand bitten? I’d rather not. In Krisenzeiten neige ich zu drei Kommunikations-Varianten: Dem aggressiven Wegschubsen (niemand versteht mich!), die vollkommene Tauchstation (niemand will mich tatsächlich verstehen!) und, am perfidesten, passiv-agressives Rumpöbeln bis die Gegenseite irritiert auf Abstand geht (niemand soll es einfach so verstehen!).

[Bei Nr. 3 hege ich aktuell den Verdacht, dass ich mir damit mentale Lesezeichen setze, um den Zeitpunkt zu Kennzeichnen an dem sich ein schlechter Tag oder ein kleines Problem in die ersten Anzeichen eines Rückfalls verwandeln. Zumindest hoffe ich, dass dem so ist. Sonst ist es der unnützeste, anstrengendste und mit größter Überwindung wieder zu reparierende Tick, den ich mir zugelegt habe.]

Und lange, sehr sehr lange, dachte ich, das sei meine Persönlichkeit. Ich bin halt mehr so kühl. Ich mache alles mit mir selber aus.
Aber in diesen Tagen, in denen so viel in mir vorgeht und meine größte Sorge ist, wie ich darüber schreibe, merke ich, wie viel davon einerseits die Krankheit, wie viel davon andererseits mein erlernter Selbstschutz ist.

Noch vor drei Monaten war ich regelrecht High. Ich hatte die magische Balance gefunden. Leben und Arbeit, Kontakte – privat oder beruflich, andere Projekte, plötzlich ging alles. Es war zum ersten Mal seit ich mich daran erinnern kann genug Zeit, genug Raum, vor allem aber genug Energie für alles da. Mir passierten unfassbar viele, sehr positive Dinge. Die meisten davon konnte ich nicht verbloggen, es hätte auch kaum Sinn ergeben, aber das war plötzlich halb so wild. Dadurch, dass ich einige dieser Entwicklungen selbst angestoßen hatte, kam ich mir auch auf einmal nicht mehr untalentiert, unliebenswert und als generelle Zumutung für andere vor. Im Gegenteil, ich konnte mich geradezu aufdrängen.
Ein lichterloher, grenzenloser Horizont ganz für mich allein und die Sicherheit, dass es in meiner eigenen Hand lag aus meinem Leben das zu machen, was ich wollte.

Dann wurde es finster. Innerhalb von 24 Tagen im Dezember war der Horizont weg, der Boden unter meinen Füßen verwandelte sich in Treibsand und auch sonst können wir uns die Szenerie eher apokalyptisch vorstellen. Aber ich bin keine plucky Katniss, die sich den grauen Mächten stellt. Versucht hatte ich es durchaus und brachte die Zeit bis zum Jahreswechsel irgendwo zwischen Zähigkeit, Apathie und solider Fassade nach Außen hinter mich.
Aber was zuviel ist, war wohl zuviel.

So wird dieser Eintrag wieder von einer Isabella formuliert, die ganz schön weit unten hängt, in einem schwarzen Tunnel. Allerdings um eine interessante Entdeckung reicher: Die Krankheit ist die Krankheit und die Persönlichkeit ist die Persönlichkeit. Klingt das simpel. Ist das fundamental. Das letzte Jahr hat mich viel gelehrt und einiges davon wollte ich nie wissen. Aber zumindest das habe ich nun verstanden – wenn es nur 8 Wochen vom bestmöglichen Gefühl zur kompletten Absenz von Gefühl braucht, beweist das in erster Linie, das ich zu dieser Bandbreite in der Lage bin. I do, in fact, contain multitudes.

Ursprünglich wollte ich im neuen Jahr als erstes über meinen Vater schreiben. Über Abschied, über das was bleibt. Aber es wäre duster geworden, irgendwo zwischen falschem Mythos und der Traurigkeit über Dinge, die nicht waren. Stattdessen gibt es jetzt diesen fast 1100-Wörter Disclaimer. (Brevity is for Twitter, this is my Sandbox.)

Verehrtester Leser: Dies ist kein Hilfeschrei. Ich hole mir Hilfe. Dies ist nur der Hinweis darauf, dass ein fieser Virus grade die innere Stromleitung gekappt hat und ich dabei bin, sie zu reparieren.


(There’s a line for everything.)

Achtzehn

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18. Natürlich war es nicht so, aber das macht die Geschichte besser.
17. Hör auf dich selbst. Du kennst dich besser als die anderen. Hat er immer gesagt.
16. Nur noch Notifications, die über direkte Botschaften informieren, nicht irgendwelche Nachrichten.
15. Kuchen. Mitgebracht, verteilt, zu genüsslich verdrehten Augen führend.
14. Nächtliche Zugfahrten im Delirium. Nachrichten, geschrieben mit Irrsinn in den Augen.
13. Eine Schwester haben. Inklusive der ganzen Emoji-Whatsapps.
12. Genug Mut für Hoffnung zusammenkratzen und auf eine Bühne stellen.
11. Mittagspausen mit Horizont-Erweiterung und Lästeranteil.
10. Ambitionen sind Freunde, nicht Feinde.
9. Glauben, dass Menschen sich freuen dich zu sehen.
8. Pläne schmieden. Dann nochmal schmieden, weil ursprünglich zu klein.
7. Boozy Brunch, Pegelgewichtel, philosophische Biergespräche.
6. Verbündete für alle Lebenslagen. Sehnsucht nach zukünftigen Erinnerungen.
5. Wollwürscht mit Bratensoße, Klageweiber und Blues.
4. Ein stiller Moment am anderen Ende der Leitung. Einigkeit.
3. Umarmungen. Präventiv gesammelt, wie eine Batterie. Am Ende des Jahres gerade noch genug übrig. Aufladbar.
2. Letzter Wangenkuß, letzter Abschied.
1. Kein Rückblick, ein Schlußpunkt.

Adendum.

Er mochte es, grade weil es mit einer so traurigen Erinnerung verknüpft war, sehr.

Was gut war: KW 51, 2017

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Gut.

Puh.

Nennen wir es, intensiv.

Eine von diesen Wochen, bei der man fühlt wie sie sich als Erinnerung in die eigenen Knochen ritzt. Motto: Goodbye, so long and thanks for all the feels.
Anstatt mich am Wochenende davor ernsthaft auf einen ernsthaften Pitch am Dienstag vorzubereiten, rezitierte ich lustlos mein Sprüchlein, fand alles doof und beschloss schließlich in guter alter Übersprungsmarnier einen Kuchen zu backen. Dadurch kam ich Montag mit einem großen Knoten im Bauch und einem Blech Schokoladenkuchen in der Hand zum vorletzten Mal im ans Herz gewachsenen Büro an. Ein letztes Mal alles durchsprechen, den anderen Feedback geben, ein letztes Mal mit der ganzen Bande Mittagessen im Mariandl.

Meine eigene Unlust hatte dazu geführt, dass meine Präsentation erst an diesem Nachmittag durch eine Hail-Mary-Idee des besten Teams überhaupt noch etwas wurde, während ich mich auf Weihnachten konzentrierte. Ich bin also beim Läderach vorbei und fuhr zeitig, um rechtzeitig zum #Pegelwichteln zu Hause zu sein. (Eine Auflistung des gewichtelten Gesöffs folgt dort demnächst.)
So unterhaltsam und albern das Gewichtel under the influence auch dieses Jahr war – da es erstmals nicht alle Wichtel rechtzeitig dazu schafften, führte auch hier zu einer kleinen dunklen Wolke, die über allem schwebte.
Es ist hilfreich, wenn sich an solchen Tagen Menschen darauf verlassen, dass man zum digitalen Zirkusdirektor wird. Auch wenn ein Teil von mir eine große Mea Culpa Runde starten will, weil die Stimmung nur zur Hälfte einer ehrlichen Begeisterung entspringt. Wie alles in diesen Tagen.

Der Alkohol vom Montag half aber, an diesem Abend Schlaf zu finden und am Dienstag doch erst um kurz vor 6 aufzuwachen. Ich blieb trotzig liegen, mit leerem Kopf aber dafür einer gehörigen Portion Weltschmerz.
Einmal mehr kroch das Bewusstsein in mir hoch, dass ich ein paar meiner Schutzschichten, ein paar Teile der Rüstung wohl abgelegt habe. Was ungünstig ist, wenn zum Jahresende hin Dinge passieren, die einen damit mehr umso mehr erschüttern. Man ist das nicht mehr gewohnt, diese direkte innere Reaktion und plötzlich ist es schwer die Contenance zu wahren. Wie bizarr das sein muss, für diejenigen die mich sonst eher als den Geysir-Typen kennen. Wenn alles einfach lang und gleichmäßig unter der Oberfläche blubbert, aber dafür manchmal und eher unvorhergesehen heraus bricht.

Ich fuhr Dienstag Mittag ins Büro und ein Großteil des Tages verflog mit dann doch etwas Spaß am Proben und langsam eintrudelnden Gästen. Die ganz wichtige Riege hatte sich abgemeldet, aber dafür kamen viele, die das Projekt mit echter Begeisterung unterstützt hatten. Auch Chef und Oberchefin ließen es sich nicht entgehen und ich fand mich in meiner Einschätzung, dass ich es da sehr gut erwischt habe, einmal mehr bestätigt.
Der Abend selbst hatte etwas von einem Sommercamp und der letzten Aufführung. Mit Abschiedsworten, die hier und da einen Hauch Schärfe enthielten. (So mag ich das.)
Es war eine andere Art von Herzklopfen, als ich schließlich Vorne stand und über meine Arbeit der letzten drei Monate referierte. Ich kam ins Erzählen hinein und nahm die Gelegenheit wahr, um mich gleich noch bei allen zu bedanken. Went straight for the feels, if I might say so. Tatsächlich waren die Reaktionen entsprechend, selbst von Menschen, die mich an dem Abend das erste Mal sahen. Gottseidank konnte ich nach erledigter Aufgabe endlich anfangen zu trinken. Und muss bis 2018 nicht mehr aufhören. (Ja, es gibt einen gewissen roten Faden hier, aber dafür ist es auch Weihnachten.)
Für meine Version des Irish Wake hatte ich sogar eine Flasche Glenfiddich mitgebracht, die wir spät am Abend im kleinen Kreis tranken. Sehr viele Auf Wiedersehens, sehr viel Wehmut und über allem ein Hauch von geteiltem Frust.

Als ich mitten in der Nacht nach Hause kam, fiel schon seit einer Weile Schnee und über allem lag eine feine weiße Schicht. Die Altstadt war vollkommen still und leer. Das war sehr passend.

Ich lies die kommenden zwei Tage an mir vorbeiziehen. Geschenke einpacken, hier und da am Likör nippen und planen, wie man die Sippe Heiligabend ins Futterkoma versetzt.
Freitag raffte ich mich dann zu den letzten Besorgungen auf und traf mich abends mit ein paar Klassenkameraden aus dem Abi-Jahrgang. Es wird geheiratet und Kinder werden geboren, die einzige Nicht-Akademikerin baut schon, ich arbeite als einzige mehr als eine halbe Stunde vom Wohnort weg und bin damit eine Exotin. Beim Nachhausegehen denke ich zum x-ten Mal in diesen Tagen über mein Dilemma des entweder insignifikanten oder einsamen Lebens nach. Entweder, nicht und.
Das gilt es 2018 zu lösen.
Samstag: The Big Dessert-Massaker. Die drei traditionellen Komponenten aus Obst, Eis und Schokolade fanden sich dieses Jahr in Holunderbirnen, Mascarpone-Vanille-Parfait und einer Buche de Noel wieder. Ich war angenehm beschäftigt. Sich nach solchen Wochen in eine Betätigung zu stürzen, bei der am Ende etwas herauskommt an dem Menschen Freude haben, ist bemerkenswert therapeutisch.

Der Heiligabend war verlässlich angenehm. Mit viel Essen, noch mehr Gelächter und sogar ganz hervorragenden Geschenken. (Gin, Gin-Kissen, Gin-Kerze, neuer Cocktail-Shaker. Siehe: Faden, roter.) Dazu erzählte die Schwester von ihren Flughafen-Erlebnissen als verdächtige Sprengstoff-Schmugglerin.
Da wußte ich noch nicht, was sie vorher erledigt hatte. Familie. Tolle Sache. Alle bekloppt.

(Thread)