Innerer Dialog

Ich könnte ja über Dings schreiben, wo doch grade neulich – wobei, das liest dann der duweißtschon und am Ende sagt der wieder was.

Ich wollte schon lange mal zum diesem kontroversen Thema bloggen, meine Haltung erklären – aber dann springt da nur wieder Twitterer obermööp drauf an und die Zeit hab ich auch nicht.

Hey, mir ist doch grade lustige Anekdote Tidelü passiert – ach komm, das finden wirklich nur Insider lustig. Wissen doch alle, wie tollpatschig du bist.

Dann wäre da noch diese aktuelle Sache, rund um die Person ramtamtam und da könnte man mal was differenziertes zu sagen – aber es ist doch längst alles gesagt.

Und hier, du hattest doch neulich diesen sehr poetischen Gedanken über den Zusammenhang von Krx und Krawall – doch ja, aber das heb ich mir jetzt auf, damit habe ich etwas vor.

Orr, immer diese Standards, immer dieser Anspruch an sich selbst, wie macht der Rest das eigentlich, die bloggen doch alle ständig – die Kochen auch und machen Fotos und haben Kinder und andere Dinge, die für Entertainment sorgen.

Und wenn ich zu Sache Schwampf noch was sage, das ging auf Twitter so unter – das artet auf Twitter schon immer so aus, das passt doch gar nicht hierher.

Gut, dann hätte ich noch die beiden angefangenen Texte zu – schon, aber die passen mit ein bisschen Arbeit für diese andere Sache.

Worüber hab ich mich neulich noch aufgeregt, hier,wie war das noch – scho ‚umme ums Eck, Scheesn. Der Ärger ist die Tastenanschläge nicht wert.

Jetzt wirst du schon wieder kryptisch. Aber daran wollten wir auch arbeiten. Und wir sprechen von uns in der dritten Person plural. Vielleicht nehmen Majestät die Bloggerei momentan nicht ernst genug. Oder zu ernst. Darüber lassen wir dann die Biographen streiten.

Mackencontent

Es ist so: könnte ich mir eine Traumwohnung bauen, sie bestünde zu zwei Dritteln aus Nischen. Aus Ecken und Hohlräumen unter Treppen, nutzlosen Winkeln und schwer zugänglichen halben Plätzen. Und in denen würde ich alles tun, außer essen.

Vermutlich bräuchte ich so gut wie keinen Schreibtisch mehr. Keinen Lesesessel, keine Konsolen mit Deko-Kram drauf. Ich säße, mit großen Kissen und einer Decke bewaffnet, den Laptop auf dem Schoß, in besagten Ecken und Nischen. Würde arbeiten und lesen und Musik hören und Nachdenken.

Mir ist klar, das ist nicht normal.
Das ist sogar ausgesprochen neurotisch und vermutlich sollte ich mit einem Therapeuten darüber reden. Hatte ich als Kind zu wenig die Gelegenheit mir Höhlen zu bauen? Kompensiere ich meine Angst irgendjemandem zur Last zu fallen damit, möglichst wenig Raum zu beanspruchen? Verbiege ich mich einfach gern bis mir mindestens ein Fuß einschläft?
Oder genieße ich die erschreckten Laute anderer Menschen, wenn ich unvermutet irgendwo sitze?

Ich weiß es nicht und es ist mir mittlerweile auch herzlich egal.
Im Gegenteil, ich frage mich manchmal warum andere ihre Nischen nicht mehr nutzen. Wo doch so ein abgegrenzter, leicht versteckter Raum wie ein kleines Paralleluniversum ist. Ein Ausstieg aus der großflächigen Darstellung menschlicher Elendigkeit. In meiner Ecke kann ich nichts mitbekommen, verschwinden. Auch wenn ich ganz allein bin. Dann verschwinde ich aus meinem Leben heraus in einen abgeschlossenen Bereich. In dem ist lediglich Platz für mich und meine Gedanken.

Natürlich, müsste ich tatsächlich in einer Schlafhöhle leben wie z.B. in einer japanischen Großstadt, ich würde schnell die Sehnsucht nach eigenem Raum entwickeln. Aber so wie es jetzt ist, sind diese kleinen Fluchten der ideale Platz für große Ideen und Gedanken.

Viele brauchen einen eigenen Raum, um bestimmte Dinge zu leisten. Darum sitzen Freelancer nicht am eigenen Schreibtisch sondern nerven ihre Umgebung in Kaffeehäusern.
Wer heute ein Haus oder eine Wohnung plant, versucht oft schon sehr früh jedem Zentimeter einem Nutzen zuzuordnen. Und vergisst Raum zu schaffen, der einem erst noch sagt wofür er gut ist. Klar, in Zeiten dieser Mietpreise darf man da auch nicht verschwenderisch sein. Millimetergenaue Planung ist eine Kunst, die man sich viele einiges kosten lassen. Handtuchgroße Gärten und Planquadrate beherrschen die moderne Baulandschaft.

Während ich meine Fachhochschulreife gemacht habe, lebte ich in einer großen Wohnung die früher mal eine Kürschnerei war. Ein hohes Haus mit seltsamen Ebenen, das beim Umbau in wirre Wohnungen aufgeteilt wurde. Die Folge waren die besten Ecken meines Lebens. Hinter der Wendeltreppe hinunter ins Erdgeschoss (es war auf einer Seite das Erdgeschoss, auf der anderen Seite ging man auf höhe des ersten Stocks in die Wohnung hinein) oder die L-förmige Nische vorne im Wohnzimmer.
Die quietschenden Geräusche meiner Mitbewohnerinnen wenn ich wieder mal unerwartet irgendwo auftauchte, fand ich großartig.

Wenn ich heute neuen Wohnraum beziehe (11 Umzüge and counting), dann orientiere ich mich an zwei Dingen: Am Licht (warum stellen so viele Leute ausgerechnet ihren Fernseher an die Wand mit dem besten Tageslicht..?) und an den Ecken.
Das führt im Gegenzug zu oft großen freien Flächen.

Und wissen sie was? Freie Flächen auf denen gar nichts steht, sind fast so großartig wie Nischen. Weil manchmal, da braucht man einfach nur Platz. Um etwas auszubreiten. Oder sich selbst auszubreiten.
Wichtig ist, dass nicht alles gleichförmig ist. Der eigene Geist muss sich winden und bewegen können, wie Wind der durch Ritzen zieht.

Womöglich ist meine Vorliebe für seltsame Raumkonstrukte die Sehnsucht nach dem Verlassen des festen Aggregatszustandes. Einfach mal nicht so tun als wäre man eine abnorme Ansammlung von Kohlenstoff. Aber gut, je weiter ich diesen Gedanken treibe, desto mehr haben die Hobbyanalytiker der digitalen Welt zu tun. An dieser Stelle muss auch mal Schluß sein. Schließlich sind Nischen auf die Plätze in denen wir Geheimnisse verwahren.

BER – STR

„Oh toll, du hast Berliner mitgebracht!“
Ich stelle die Schachtel mit dem halben Dutzend an Gebäckstücken hin. Nein, habe ich nicht.
Die Krapfen glänzen noch ein bisschen und zwischen den ersten Bissen debattiert die Frauenrunde jetzt natürlich die korrekte Bezeichnung. Es ist ein übliches, erwartetes Ritual. Wer zuerst Pfannkuchen sagt, ist raus. Innerlich bin ich kurz dankbar für die Faschingszeit, in der meine Mitstreiterinnen auch einfach mal über die gefüllten Kugeln freuen, anstatt ihren Kaloriengegenwert zu erläutern. Wir beißen synchron in die Hefeteigstücke und eine Wolke von Puderzucker verteilt sich über den Tisch. Der Krapfen könnte saftiger sein. So wie früher. Sie waren doch früher besser, oder? Gebäck ist meine persönliche Nostalgiefalle.

Ich denke an Wolfang Thierse und die Schrippen. An Fleischpflanzerl und Semmeln, Knödel und Leberkäse und was es über uns aussagt, wie ernst wir diese regionalen Bezeichnungen nehmen. Als ich 12 oder 13 war, musste ich zum ersten Mal auf einer Karte „Fleischkäse“ lesen. Ich hatte keine Ahnung was gemeint war. Eine Bildungslücke? Vielleicht, wenn ich heute noch nicht wüsste was sich dahinter verbirgt, würde es mich bei der Bezeichnung „Hawaipizza-Fleischkäse“ weniger schütteln. Genauso war mein erstes Jahr in Ulm von konstanter Konfusion geprägt. Warum werden hier Seelen gegessen und bin ich ein schlechter Mensch weil ich Maultaschen für überbewertet halte? (Ernsthaft, wagen Sie es mal in schwäbischen Gefilden Zweifel daran zu äußern, dass man Maultaschen IMMER und ZU ALLEM essen kann.)

Würde ich heute zum Beispiel in den Norden Republik ziehen, täte ich an Servus und Grüß Gott und natürlich den Semmeln festhalten? Halte ich damit meine Wurzeln in Ehren oder verweigere ich die Migration? Wir sind schon ein putziges und leidlich neurotisches Volk. Weil Migrationspolitik diffizil und kontrovers ist, verlegen wir die symbolische Diskussion nach Innen. Wobei, wer ist schon wir. Der fast vergessene Thierse ist nur der neuste alte Mann, der mit absichtlich-grenzwertiger Rhetorik nach ein bisschen Aufmerksamkeit lächzt. Dabei ist der Schwabe in Berlin auf der Skala der Andersartigkeit für viele nicht so weit weg vom Türken in der Oberpfalz. Fremde Religion, andere Nahrungsmittel und Gebräuche, die man nicht sofort nachvollziehen kann. Hashtag #Kehrwoche. Es ist ein Seiltanz. Wer zu ernst auf den Lokalkolorit besteht, wird schnell als provinziell abgestempelt. Und provinziell will man nicht sein. Schon gar nicht in Berlin. Einerseits sind wir alle längt globalisiert und wollen über diesen Dingen stehen, andererseits machen wir die Witze über spießige Schwaben und verpeilte Hauptstädter als wäre es ein Religionsersatz.

Ich mag regionale Eigenheiten. Nicht nur die meiner bajuwarischen Heimat. Als Angehörige eines Volksstammes, der oft wegen zu vieler Bräuche und erfolgreicher Eigenheiten verspottet wird, bin ich da sehr tolerant. Wenn es nach mir geht: Mehr Feiertage für alle! Ich verstehe viele solcher Traditionen nicht aber finde es dennoch gut, wenn man versucht sie zu erhalten. Sogar, dass sich die Diskussion am Essen entzündet, ist eigentlich eine ganz clevere Variante – jeder isst gern. Vielleicht, wenn wir über Schrippen und Semmeln und Wecken reden, reden wir demnächst über Bäcker und uniforme Teiglinge, die aus Fabriken kommen und in der Bestellform des Großlieferanten Brötchen heißen. Parmaschinken heißt so, weil er aus Parma kommt. Die selbe Regel gilt für Champagner und die Nürnberger Bratwurst. Das werden regionale Eigenheiten, Bezeichnungen und Herstellungsarten zum Markenschutz. Zum Qualitätsmerkmal.
Eigennamen und Dialekte hatten immer schon zwei Funktionen: 1. die Identifizierung und Stärkung der Verbindungen im Inneren. 2. Die Abgrenzung nach Außen. Wenn ein schwäbischer Bäcker nach Berlin zieht und dort Semmeln nach seinem Rezept macht – sind es dann Schrippen? Und wenn der bayerische Franchisenehmer einer Backshop-Kette von München nach Hamburg wechselt – macht das noch irgendeinen Unterschied? Ich esse gern Falafel mit Hummus. Frittierte Bohnenpüreeklöße mit Kichererbsenpaste. Nur, dass niemand diese Aufschrift auf einer Tafel fordern würde. Wäre auch verdammt lang.

Wenn der Berliner Flughafen eines Tages fertiggestellt sein wird, werde ich dort einen ordentlichen Döner bekommen. Genauso wie Burger und Fritten, Sushi, Currywurst, womöglich Fish and Chips und vermutlich auch Krapfen, äh, Pfannkuchen und eine Butterbrezn. Wobei die höchstwahrscheinlich in einer miserablen Backshopkette dann 1,40€ kostet. Die Chance, dass der geneigte wie verhasste Tourist eine echte Bulette in einer echten “berliner” Schrippe bekommt, sind eher schwer zu schätzen. Auch die Snack-Tauglichkeit von Maultaschen ist mir spontan nicht geläufig. Eine leere Bezeichnung allein setzt sich nicht einfach so durch. Da kann sich Herr Thierse auf den Kopf stellen. Aber vielleicht ist er ja der Gründer einer Petition, die sich für die Bevorzugung von regionalen Läden und Marken im Willy Brandt – Flughafen einsetzt. Dann will ich nichts gesagt haben.

Mit tropft Marillenmarmelade auf den Ärmel. Das ist beim Krapfenessen immer so. Der Puderzucker ist mittlerweile überall verteilt. Hätte auf der Schachtel Berliner oder gar Pfannkuchen gestanden, ich hätte genauso hinein gebissen und stattdessen wäre mir dann eben Pflaumenmuss auf den Ärmel getropft. Ich kann auch sehr gut damit leben, dass der präparierte Faschingskrapfen mit Senf aus der Mode kommt und es stattdessen öfter welche mit Vanillepudding gibt. Nicht jede Tradition muss unbedingt überleben.
„Im Rheinland,“ sagt die L. zwischen zwei Bissen, „ist gar keine Marmelade drin. Nur Rosinen.“
Rosinen? Das geht jetzt zu weit.