Vielstimmig

Als die Briefwahlunterlagen vor mir liegen, fallen mir die ganzen klugen Blogeinträge der letzten Wochen ein. Über Überwachung und Freiheit, über Dinge die sich ändern müssen und Gedankenspiele übers Protestwählen.

Erstmal die Kreuzchen bei den Volksentscheiden machen.

2013-08-01 18.44.59

Ich sitze mit meiner Schwester zusammen am Küchentisch und wir googeln die Bezirkswahlkandidaten. Syrien und die NSA sind weit weg. Die B15, der Bahnübergang Reitmehring und die südostoberbayerischen Immobilienpreise sind direkt vor der Tür. Wir tendieren zu Heilerziehungspflegern, Biobauern und Krankenschwestern. Die Architektin der freien Wähler hat zwar ein bemerkenswert klares Profil, sitzt aber schon jetzt in derart vielen Gremien, dass man sich fragt wie sie den Überblick behalten will.

Die ÖDP auf Bezirksebene klingt symphatisch, kann man aber darüber hinaus nicht wählen, weil: Frankenberger. Sie wissen schon, dieser damals noch langhaarige junge Mann, der auf renitent unsymphatische Weise das mit dem Rauchverbot in Bayern durchgesetzt hat. Verstehn’s mich nicht falsch, ich bin da auch froh drüber, aber dem ehemaligen Theologiestudenten mit der frischen Kurzhaarfrisur möchte ich ansonsten keine politische Verantwortung übergeben.

Dazu kommt, dass ich mir meinen Kopf nicht nur für mich zerbreche. Traditionsgemäß fragen Menschen mich was sie wählen sollen. Das klingt jetzt seltsamer als es ist, aber unter den nicht ganz so Netzaffinen meiner Umgebung gelte ich als überdurchschnittlich gut informiert und im Zweifelsfall sogar objektiv. (ha. haha. hahahaha.) Jedenfalls habe ich auch dieses Mal versucht die Unterschiede klar zu machen. Aber es war emotionsloser als sonst.

Als wir beim Landtag ankommen, fällt mir eine Unterhaltung ein, die ich vor kurzem hatte: Ich erklärte, dass die CSU in Bayern auch gewählt wird, weil man eben nicht das Gefühl hat, dass sie groß ins eigene Leben eingreift. Eingreifen, das tun die EU oder die Opposition. Die CSU lässt die Leute in Ruhe und gibt ihnen das Gefühl, dass Bayern eben doch besonders ist. Eine ganze Partei und deren volle Aufmerksamkeit nur für uns. Die CSU gehört zur Folklore wie Trachtenvereine und Dorffeste. Institutionen, über deren verkrustete Haltung wir uns alle im Klaren sind, aber die eben auch Beschäftigung und Struktur in den Alltag bringen.

2013-05-02 19.00.48Währenddessen hat die SPD nicht nur kein Programm, sondern auch nur einen mittelguten Kandidaten. Vor fünf Jahren wäre Ude / Seehofer vielleicht ein enges Rennen gewesen, aber dann trat eine Art Transformation beim Münchner OB ein und er verwandelte sich in einen Wowereit-Hybriden, der am liebsten Sachen eröffnet, große Bauten plant und sich als Kabarettist inszeniert.

Da konnte der Bau-Ausschuss fröhlich privatisieren und Vermietern entgegen kommen, abgenickt von Rot, Grün und Schwarz. So viel Ungemach ist selbst der Landbevölkerung klar und auch Koriphäen wie Pronold und Co. machen wenig Lust auf einen bayerischen Regierungswechsel. Dann lieber Hubert ‚Opfesoft‘ Aiwanger als Teil einer CSU-Koalition. Auch wenn dessen hochherrschaftliches Verhalten an den Nerven zerrt. Nichts gegen Verhandeln und offene Optionen, aber sein „ich werde Hof halten und die parteilichen Bittsteller als Zünglein an der Waage empfangen“ ist dann schon grenzwertig.

Meine Schwester findet eine Krankenschwester für Psychiatrie auf der CSU-Liste der Landtagswahl. Wir reden über Gustl Mollath und Inklusion. Auch über eine Freundin, die gerade schwanger ist und Angst hat, dass ihr die Regierung irgendwann vorschreibt, wer ihr Kind am besten betreuen kann. Die 150 Euro sind ihr wurscht, aber den Gedanken dahinter findet sie gut. Sie ist eine von etlichen jungen Frauen in meiner Umgebung, die beim Anblick von kinderlosen Grünen-Politikerinnen mit familienpolitischen Ideen überraschend aggressiv werden.
Ungefähr so wie ich, wenn neuerdings Wirtschaftsexperte Jürgen Trittin das Podium betritt.

Wir sinnieren über Sepp Daxenberger und stellen Schnaps auf den Tisch. Bundestagswahl.

So muss sich Momo gegen die grauen Männer gefühlt haben. Angie feat. die Kompetenz-Mikronesier oder Peer und seine Gang, die jederzeit meutern könnte – es bleibt beim Schulterzucken. Keiner von denen wird die Steuerpolitik revolutionieren oder sich mit Obama anlegen. Schnarrenberger ist von zu vielen alten oder im Kopf alten Männern umgeben, sonst müsste man sie als letzte der liberalen Art fast wählen. Über die Grünen reden wir wieder, wenn die jetzige Führungsriege endlich abgedankt hat. 1998, 2013 – die gleichen Köpfe wollen mal wieder größere Dienstwagen. Das ist keine junge, wilde Partei.

Und speaking of: Piraten? Ja, nein.

An dieser Stelle sollte man ein Argument für Programme und Ansichten machen können und, dass wir ja gar keine Politiker direkt wählen sondern Parteien. Allein, es weigert sich glaubhaft zu werden. Zu sehr dominieren Gesichter das alles. Auch so ein Grund, der mich davon abhält mitzumachen. So lang ich denken kann, schlagen Leute mir vor in die Politik zu gehen. (Ernsthaft, sie haben in der Grundschule damit angefangen.) Aber wenn ich an die Fotos von Cousine F. von ihren JU-Events denke oder an den bibeltreuen Christen mit der Satansfrisur, vergeht mir jede Lust.

Als ich klein war, dachte ich, dass man nur die korrupte, kleingeistige Lokalpolitik hinter sich lassen müsste weil es weiter oben bestimmt nicht so zugeht. Dann habe ich Lesen und Schreiben gelernt. Jetzt ärgere ich mich, dass sie sich nicht mal mehr Mühe beim Lügen geben. Keine Raffinesse in den Verstrickungen, sogar das Bestechungsniveau ist peinlich niedrig.
Vielleicht doch mal Bürgermeisterin der kleinen hübschen Stadt am Inn. Mit ein bisschen Aufwand wird man auf dieser Ebene den schlimmsten Hirnschlamm los und kann auch mal konkrete Probleme lösen. (Ich weiß, Naivität steht mir nicht so wahnsinnig gut.)

Am Ende verteilen sich meine insgesamt 6 Stimmen auf vier verschiedene Parteien. Demokratische Verantwortung minus tatsächliche Entscheidungsgewalt plus drei Schnaps hinterlassen eine leicht ambivalente Bitterkeit.

„Mia soiadn uns boid um a Mehrgenerationenhaus mit Gmiasgartn kümmern, ich mog nimma. Mia machan uns einfach unabhängig.“ sagt meine Schwester und ich habe eine Ahnung, wie die Bayernpartei ihre Existenz rechtfertigt.

Auf dem Weg zum Postkasten fühlen die Umschläge in meiner Tasche sich wahnsinnig schwer an.

Himmelfahrt

Dieses Sprechen über Gefühlsdinge können wir beide nicht. Umarmungen können wir nicht. Unser Humor ist eher grob, unsere Art Zuneigung zu zeigen äußert sich manchmal in komischen Bemerkungen.

Stur und eigensinnig sind wir. Deswegen war es dir auch vollkommen egal, dass es zwei Töchter statt Söhnen geworden sind. (Die hätte Oma halt gern gesehen, konnte ja keiner ahnen, dass die gesamte Familiengeneration weiblich wird.) Du hast uns trotzdem eingetrichtert, vor genau niemandem zu kuschen und den Mund aufzumachen wenn etwas nicht passt. Dass ich nicht auf den Kopf gefallen bin, habe ich natürlich von dir. So wie meine Schwester ihre unendliche Loyalität. Und ihren Fahrstil. Dafür hab ich deine Augenbrauen und sogar das habe ich dir verziehen.

Ich mag nicht sentimental werden. Aber wenn ich an uns denke, dann sehe ich das alte Foto vor mir. Du, schlafend auf dem Sofa. Ein Berg von einem Mann im roten Zopfpulli. Auf deinem Bauch liegt so ein rosa Bündel und schläft selig. Sicher, dass ihr Papa sie vor allem beschützen würde. Auf deine, manchmal etwas eigenwillige Art, hast du das auch immer getan. Als groß, stark und laut.

Seit einiger Zeit sehe ich, wie die Jahre sogar dir plötzlich etwas anhaben. Wie die immer befürchteten Spätschäden deine ohnehin schon launige Natur noch mehr beeinträchtigen. Rasiert und gekämmt bist du immer noch was die Leute „stattlich“ nennen. Aber deine Hände gehorchen nicht mehr so und manchmal spielt sogar dein Kopf nicht mehr mit. Die hilflose Wut darüber lässt dich altern.

Ich hätte dich gern gekannt, bevor manche Dinge passiert sind. Bevor andere dir Narben zugefügt haben, seelisch und körperlich. Es gibt so vieles, was ich gern sagen würde. Aber jetzt, nach all der Zeit, bist du empfindsam geworden. Einiges werde ich mit mir selbst ausmachen müssen. Für manches wird sich die richtige Zeit finden. Ich brauche noch ein kleines bisschen Abstand. Damit ich deinen Schmerz nicht mehr länger zu meinem mache. Das kriegen wir aber auch noch hin. Mia zwoa Gschwoischädl.

Noch haben wir Zeit.

Hochwürden Herr Sepp

Kurzer Nachtrag zu Allerheiligen. Weil: Irgendwas ist ja immer.

Unter anderem das große Comeback des Trachtenjankers quer durch alle Generationen. Nicht, dass der wirklich weg gewesen wäre, aber es fällt halt auf.

Symbolbild einer sterbenden Friedhofskultur

Dann: eine seltsam chaotische Friedshofs-Prozedur. Lautsprecher die nicht funktionierten und daher Weitergabe der aktuellen Sprechformel via Flüsterpost. Irgendwann kam es dann zum dritten Vater Unser, die Fürbitten und mindestens ein Musikstück fehlten völlig. Wir hätten misstrauisch sein müssen.

Zu früh und zu schnell im Programm kam schließlich der Umzug des Pfarrers mit dem Weihrauch.(Der bis dato auf der anderen Seite des Friedhofs für uns kaum hörbar seine Show gemacht hatte.) Jetzt standen die R. und ich mit dem Rücken zum herannähernden Zug auf der einen Seite des Grabes. Meine Tante E. und meine Mutter uns gegenüber. Als der Zug näher kommt sehe ich die Gesichtszüge mir gegenüber entgleisen.

Es kam: Der Pfarrer St. Da muss ich jetzt kurz ausholen.

Als wir vor etlichen Jahren vom Heimatdorf meines Vaters ins Chiemgau zogen, war ich gerade im Kommunionalter und hatte den Religionsunterricht beim Pfarrer St. Ich fand es anfangs amüsant, dass er seine Stunden hauptsächlich mit dem Singen von Lauda tu si bestritt. Dann gab es irgendwann eine Informationsveranstaltung für Eltern der Kommunionkinder.
Von dieser kam meine Mutter, leicht aus der Fassung, zurück.

„Jessas Maria, des is ja der Hochwürden Herr Sepp.“

Die Sippe St. stammt natürlich auch ausgerechnet aus dem gleichen Kaff wie meine Mutter und sie hatte bereits unter seinem älteren Bruder als Chorleiter gelitten. Dass nun der Hochwürden Herr Sepp ausgerechnet hier wieder auftauchte war das eine, dass er sich so über ein bekanntes Gesicht wie meine Mutter freute das andere. Sie, ich und meine Schwester R. standen fortan unter spezieller Beobachtung.

Was ansonsten keine schlimmen Folgen gehabt hätte, weil wir unser Christen-Dasein nicht gerade dramatisch pflegen. Nur, wie gesagt, die Kommunion. Wer die Kommunion erhalten wollte hatte sich gefälligst einige Male in der Kirche einzufinden und eigentlich auch Fürbitten zu lesen. Was ich dann auch tat.

Es stellte sich heraus, dass der Hochwürden Herr Sepp, so er denn ein volles Haus hatte, lieber sang als predigte. Wobei, er predigt auch gern lang und enthusiastisch. Aber noch lieber singt er. Drei Strophen mindestens. Überhaupt lag ihm die musikalische Untermalung eines Gottesdienstes immer sehr am Herzen. So sehr, dass er auch fertige Programme von aufopfernden Kinderchorleiterinnen gern am Tag vorher komplett über den Haufen geworfen hat. (Ja, ich war im katholischen Kinderchor, jetzt tun sie nicht so empört.)

Noch letztes Jahr hat er eine Freundin von R. vermählt und der Kampf um die musikalische Untermalung drohte den Pfarrer und die Zukünftigen zu entzweien.

Zwischenzeitlich hat man dem Pfarrer St. dann wohl doch nahe gelegt in den Ruhestand zu gehen. So jedenfalls unsere Rekonstruktion bis hierher. (Die Recherchen laufen noch.) Und weil der Hochwürden Herr Sepp aber gar so gern Pfarrer ist, muss er sich irgendwie in seiner alten Heimatgemeinde eingefunden haben.

Wo er zum Schrecken meiner Mutter durch die Reihen glitt. Neben mir die R. daraufhin: „Wie weit müssen wir eigentlich fahren, um nicht immer den gleichen Leuten zu begegnen?“

Wir überlegten kurz nächstes Jahr das Grab der anderen Familienseite zu besuchen. Dann fielen uns Grundschullehrer und dergleichen ein. Nein, es hilft nichts. Gut, dass Lauda tu si nicht zu Allerheiligen passt.