Angie ain’t yo mama

Hach ja.

Zunächst wollte ich den Fragen nachgeben und was dazu schreiben man wie man Feministin sein kann, ohne die CDU schlichtweg zu hassen. Aber dann haben einige kluge Leute schon was dazu geschrieben und jetzt schreib ich den Eintrag, den ich schon seit einem Jahr schreiben will.* (viermal schreiben in einem Absatz. Diverse frühere Deutschlehrer schütteln den Kopf.)

Warum ich einen leichten Würgereiz bekomme, jedesmal wenn eigentlich gar nicht so dumme Menschen unsere Kanzlerin „Mutti“ nennen. Oder Journalisten. Oder die eigene Partei. (Unfassbar, was für Schwachmaten da bei der JU sitzen.)

Mutti ist dabei nicht nur eine antifeministische Bezeichnung, sondern eine Herabwürdigung für gleich mehrere Seiten. Für Mütter, deren Erziehungsarbeit mit dem stoischen Leiten einer Horde von mittelintelligenten Ministern verglichen wird, für Frau Merkel, die ihr Geschlecht im Gegensatz zu ihren politischen Gegnern nie zum Thema gemacht hat und als kinderlose Naturwissenschaftlerin keinerlei Bezug zum Alltag einer Mutter hat und abschließend für jede Frau in einer leitenden Position, deren Autorität in einem Fachbereich reduziert wird auf das bemuttern irgendwelcher Untergebenen.

Außerdem hat der Spiegel damit angefangen und wir wissen ja wie feministisch-positiv und gar nicht von alten weißen Männern durchsetzt diese Publikation ist.
Natürlich, viele „große“ Politiker bekommen einen Beinamen, einen Titel. Aber Mutti? Nein, das ist eine Schmähung.

Sezieren wir die Angelegenheit mal. Frau Doktor Angela Merkel, geschieden, evangelisch (Pfarrerstochter!), kinderlos. Wie kommt sie zu diesem Beinamen? Gilt sie als besonders warmherzig oder kümmernd? Eher nein. Hat sie sich in ihrer Politik oft und viel inbesondere für Frauen und Mütter eingesetzt? Im Gegenteil. Angela Merkel hat, das kann einen stören oder nicht, nie besonders feministische Positionen vertreten. Sie hat sogar den Komplettausfall Kristina Schröder ins Kabinett geholt.
Gleichermaßen hat die Kanzlerin nie weibliche Lebensentwürfe als politische Munition missbraucht. Sie sagt weder „Karrieremütter“ (Seehofer) oder Herdprämie (alle außer Seehofer), noch spielen ihre wie auch immer gearteten religiösen Ansichten eine besondere Rolle in ihren Reden oder ihren Entscheidungen. Tatsächlich würde ich Angela Merkels politischen Stil als eine Mischung naturwissenschaftlicher Beobachtung und strategischen Kompromissen beschreiben.

Zwischenzeitlich eine kurze Frage – außerhalb der JU-Pfuscher – haben Sie schon mal jemanden „Mutti Merkel“ mit positiver, anerkennender Konnotation hören sagen? Ich auch nicht.

Also wenn Fr. Merkel gar keine Mutti ist – woher dann die Bezeichnung?
Ich befürchte, es ist eine reine sprachliche Spitzfindigkeit. Während Mutter, auch die eines Staates, nach einer positiv besetzten und starken Rolle klingt, oder Mama uns das Gefühl von Zuhause und Geborgenheit vermittelt, ist die Mutti ein Begriff, der immer auch ein bisschen nach Mütterchen klingt. Nach einer in ihrem Horizont beschränkten, braven aber nicht besonders charismatischen Frau. Nicht nach einer Spitzenpolitikerin.

(Sollte es an dieser Stelle Leser geben, die ihre Frau Mutter seit jeher und durchaus positiv Mutti nennen, entschuldige ich mich, möchte aber zu bedenken geben wie außergewöhnlich mir das erscheint. Das ist ungefähr so wie mein Vater, der jeden seiner Freunde ganz liebevoll einen oiden Deppen, einen versoffenen nennt. Nun ja.)

Jedenfalls. Damit wäre klar warum Mutti Merkel im speziellen gegenüber Frau Merkel nicht nett ist, aber warum meine feministische Empörung? Nun, wegen der Männer. (höhöhö) Als Günther Jauch vor kurzem meinte, aus Mutti Merkel würde nun die schwarze Witwe werden, weil die Koalitionsfrage nicht auf der Stelle geklärt werden konnte, saß ich mit offenem Mund vor dem Fernseher. Welche Akzeptanz von frauenfeindlicher Kaltschnäuzigkeit führt zu solchen Begrifflichkeiten? Hätte er auch einen Herrn Steinbrück als, sagen wir mal, einen Biber der den eigenen Damm anknabbert, bezeichnet? Oder Vatti?

Manchmal erscheint es, als hätten insbesondere Journalisten eine innere Skala für den Beißreflex, der schwächer wird je älter und konservativer der, selbstverfreilich, Mann ihnen gegenüber ist. Aber Mutti hält das ja alles aus. Mutti beschwert sich nicht. Sie ist doch nicht vollkommen bescheuert.

Mutti Merkel. Die schöne Sarah Wagenknecht. Die burschikose Frau Künast.

Mächtige Frauen sind momentan wie einsame, bedrohte Eisberge und solche Kommentare, die allgemeine Stimmung gegenüber diesen Menschen ist der verfluchte Klimawandel. Diese Frauen wollen einfach nur ihren Job tun und sollen sich aber doch bitte auch um ihre Frisur kümmern, den richtigen Schmuck tragen und einerseits ansehnlich aber bitte auch nicht zu attraktiv sein. Klar, kein Problem.

Solange diese Art von Respekt gegenüber jemandem wie Angela Merkel hoffähig ist, was bedeutet das für andere Frauen in verantwortlichen Positionen? Wie sehr müssen Frauen sich winden und verformen lassen, um am Ende nicht als hysterische Zicke, inkompetente Furie oder eben die Mutti der Kompanie zu gelten?

Diese Grundhaltung hat für mich nichts mit politischer Sympathie zu tun. Darum ist es umso trauriger, dass viele der Mutti-Sager ansonsten tolerante, offene, auf politische Korrektheit bedachte Leute sind. Aber weil sie Frau Merkel nicht mögen, ist Mutti plötzlich okay.

Ist es nicht. Bitte.

P.S. Aber, werden manche sagen, wenn die Mutti so antifeministisch ist, warum wehrt sie sich nicht dagegen, hm?
Nun, weil sie keine Trolle füttert. Weil sie ihr Leben und ihre Politik nach anderen Prioritäten führt. Weil sie echt keine Zeit für auch noch diesen Blödsinn hat, wo gleich wieder der Seehofer was will oder Frankreich anruft und überhaupt wollte sie noch mit Russland telefonieren. Mutti? Bitch please.

*Phew. Das musste raus. Das war dann auch der Politik-Block und demnächst wieder vorweihnachtlicher Wahnsinn von der Landfront, keine Sorge.

Vielstimmig

Als die Briefwahlunterlagen vor mir liegen, fallen mir die ganzen klugen Blogeinträge der letzten Wochen ein. Über Überwachung und Freiheit, über Dinge die sich ändern müssen und Gedankenspiele übers Protestwählen.

Erstmal die Kreuzchen bei den Volksentscheiden machen.

2013-08-01 18.44.59

Ich sitze mit meiner Schwester zusammen am Küchentisch und wir googeln die Bezirkswahlkandidaten. Syrien und die NSA sind weit weg. Die B15, der Bahnübergang Reitmehring und die südostoberbayerischen Immobilienpreise sind direkt vor der Tür. Wir tendieren zu Heilerziehungspflegern, Biobauern und Krankenschwestern. Die Architektin der freien Wähler hat zwar ein bemerkenswert klares Profil, sitzt aber schon jetzt in derart vielen Gremien, dass man sich fragt wie sie den Überblick behalten will.

Die ÖDP auf Bezirksebene klingt symphatisch, kann man aber darüber hinaus nicht wählen, weil: Frankenberger. Sie wissen schon, dieser damals noch langhaarige junge Mann, der auf renitent unsymphatische Weise das mit dem Rauchverbot in Bayern durchgesetzt hat. Verstehn’s mich nicht falsch, ich bin da auch froh drüber, aber dem ehemaligen Theologiestudenten mit der frischen Kurzhaarfrisur möchte ich ansonsten keine politische Verantwortung übergeben.

Dazu kommt, dass ich mir meinen Kopf nicht nur für mich zerbreche. Traditionsgemäß fragen Menschen mich was sie wählen sollen. Das klingt jetzt seltsamer als es ist, aber unter den nicht ganz so Netzaffinen meiner Umgebung gelte ich als überdurchschnittlich gut informiert und im Zweifelsfall sogar objektiv. (ha. haha. hahahaha.) Jedenfalls habe ich auch dieses Mal versucht die Unterschiede klar zu machen. Aber es war emotionsloser als sonst.

Als wir beim Landtag ankommen, fällt mir eine Unterhaltung ein, die ich vor kurzem hatte: Ich erklärte, dass die CSU in Bayern auch gewählt wird, weil man eben nicht das Gefühl hat, dass sie groß ins eigene Leben eingreift. Eingreifen, das tun die EU oder die Opposition. Die CSU lässt die Leute in Ruhe und gibt ihnen das Gefühl, dass Bayern eben doch besonders ist. Eine ganze Partei und deren volle Aufmerksamkeit nur für uns. Die CSU gehört zur Folklore wie Trachtenvereine und Dorffeste. Institutionen, über deren verkrustete Haltung wir uns alle im Klaren sind, aber die eben auch Beschäftigung und Struktur in den Alltag bringen.

2013-05-02 19.00.48Währenddessen hat die SPD nicht nur kein Programm, sondern auch nur einen mittelguten Kandidaten. Vor fünf Jahren wäre Ude / Seehofer vielleicht ein enges Rennen gewesen, aber dann trat eine Art Transformation beim Münchner OB ein und er verwandelte sich in einen Wowereit-Hybriden, der am liebsten Sachen eröffnet, große Bauten plant und sich als Kabarettist inszeniert.

Da konnte der Bau-Ausschuss fröhlich privatisieren und Vermietern entgegen kommen, abgenickt von Rot, Grün und Schwarz. So viel Ungemach ist selbst der Landbevölkerung klar und auch Koriphäen wie Pronold und Co. machen wenig Lust auf einen bayerischen Regierungswechsel. Dann lieber Hubert ‚Opfesoft‘ Aiwanger als Teil einer CSU-Koalition. Auch wenn dessen hochherrschaftliches Verhalten an den Nerven zerrt. Nichts gegen Verhandeln und offene Optionen, aber sein „ich werde Hof halten und die parteilichen Bittsteller als Zünglein an der Waage empfangen“ ist dann schon grenzwertig.

Meine Schwester findet eine Krankenschwester für Psychiatrie auf der CSU-Liste der Landtagswahl. Wir reden über Gustl Mollath und Inklusion. Auch über eine Freundin, die gerade schwanger ist und Angst hat, dass ihr die Regierung irgendwann vorschreibt, wer ihr Kind am besten betreuen kann. Die 150 Euro sind ihr wurscht, aber den Gedanken dahinter findet sie gut. Sie ist eine von etlichen jungen Frauen in meiner Umgebung, die beim Anblick von kinderlosen Grünen-Politikerinnen mit familienpolitischen Ideen überraschend aggressiv werden.
Ungefähr so wie ich, wenn neuerdings Wirtschaftsexperte Jürgen Trittin das Podium betritt.

Wir sinnieren über Sepp Daxenberger und stellen Schnaps auf den Tisch. Bundestagswahl.

So muss sich Momo gegen die grauen Männer gefühlt haben. Angie feat. die Kompetenz-Mikronesier oder Peer und seine Gang, die jederzeit meutern könnte – es bleibt beim Schulterzucken. Keiner von denen wird die Steuerpolitik revolutionieren oder sich mit Obama anlegen. Schnarrenberger ist von zu vielen alten oder im Kopf alten Männern umgeben, sonst müsste man sie als letzte der liberalen Art fast wählen. Über die Grünen reden wir wieder, wenn die jetzige Führungsriege endlich abgedankt hat. 1998, 2013 – die gleichen Köpfe wollen mal wieder größere Dienstwagen. Das ist keine junge, wilde Partei.

Und speaking of: Piraten? Ja, nein.

An dieser Stelle sollte man ein Argument für Programme und Ansichten machen können und, dass wir ja gar keine Politiker direkt wählen sondern Parteien. Allein, es weigert sich glaubhaft zu werden. Zu sehr dominieren Gesichter das alles. Auch so ein Grund, der mich davon abhält mitzumachen. So lang ich denken kann, schlagen Leute mir vor in die Politik zu gehen. (Ernsthaft, sie haben in der Grundschule damit angefangen.) Aber wenn ich an die Fotos von Cousine F. von ihren JU-Events denke oder an den bibeltreuen Christen mit der Satansfrisur, vergeht mir jede Lust.

Als ich klein war, dachte ich, dass man nur die korrupte, kleingeistige Lokalpolitik hinter sich lassen müsste weil es weiter oben bestimmt nicht so zugeht. Dann habe ich Lesen und Schreiben gelernt. Jetzt ärgere ich mich, dass sie sich nicht mal mehr Mühe beim Lügen geben. Keine Raffinesse in den Verstrickungen, sogar das Bestechungsniveau ist peinlich niedrig.
Vielleicht doch mal Bürgermeisterin der kleinen hübschen Stadt am Inn. Mit ein bisschen Aufwand wird man auf dieser Ebene den schlimmsten Hirnschlamm los und kann auch mal konkrete Probleme lösen. (Ich weiß, Naivität steht mir nicht so wahnsinnig gut.)

Am Ende verteilen sich meine insgesamt 6 Stimmen auf vier verschiedene Parteien. Demokratische Verantwortung minus tatsächliche Entscheidungsgewalt plus drei Schnaps hinterlassen eine leicht ambivalente Bitterkeit.

„Mia soiadn uns boid um a Mehrgenerationenhaus mit Gmiasgartn kümmern, ich mog nimma. Mia machan uns einfach unabhängig.“ sagt meine Schwester und ich habe eine Ahnung, wie die Bayernpartei ihre Existenz rechtfertigt.

Auf dem Weg zum Postkasten fühlen die Umschläge in meiner Tasche sich wahnsinnig schwer an.

BER – STR

„Oh toll, du hast Berliner mitgebracht!“
Ich stelle die Schachtel mit dem halben Dutzend an Gebäckstücken hin. Nein, habe ich nicht.
Die Krapfen glänzen noch ein bisschen und zwischen den ersten Bissen debattiert die Frauenrunde jetzt natürlich die korrekte Bezeichnung. Es ist ein übliches, erwartetes Ritual. Wer zuerst Pfannkuchen sagt, ist raus. Innerlich bin ich kurz dankbar für die Faschingszeit, in der meine Mitstreiterinnen auch einfach mal über die gefüllten Kugeln freuen, anstatt ihren Kaloriengegenwert zu erläutern. Wir beißen synchron in die Hefeteigstücke und eine Wolke von Puderzucker verteilt sich über den Tisch. Der Krapfen könnte saftiger sein. So wie früher. Sie waren doch früher besser, oder? Gebäck ist meine persönliche Nostalgiefalle.

Ich denke an Wolfang Thierse und die Schrippen. An Fleischpflanzerl und Semmeln, Knödel und Leberkäse und was es über uns aussagt, wie ernst wir diese regionalen Bezeichnungen nehmen. Als ich 12 oder 13 war, musste ich zum ersten Mal auf einer Karte „Fleischkäse“ lesen. Ich hatte keine Ahnung was gemeint war. Eine Bildungslücke? Vielleicht, wenn ich heute noch nicht wüsste was sich dahinter verbirgt, würde es mich bei der Bezeichnung „Hawaipizza-Fleischkäse“ weniger schütteln. Genauso war mein erstes Jahr in Ulm von konstanter Konfusion geprägt. Warum werden hier Seelen gegessen und bin ich ein schlechter Mensch weil ich Maultaschen für überbewertet halte? (Ernsthaft, wagen Sie es mal in schwäbischen Gefilden Zweifel daran zu äußern, dass man Maultaschen IMMER und ZU ALLEM essen kann.)

Würde ich heute zum Beispiel in den Norden Republik ziehen, täte ich an Servus und Grüß Gott und natürlich den Semmeln festhalten? Halte ich damit meine Wurzeln in Ehren oder verweigere ich die Migration? Wir sind schon ein putziges und leidlich neurotisches Volk. Weil Migrationspolitik diffizil und kontrovers ist, verlegen wir die symbolische Diskussion nach Innen. Wobei, wer ist schon wir. Der fast vergessene Thierse ist nur der neuste alte Mann, der mit absichtlich-grenzwertiger Rhetorik nach ein bisschen Aufmerksamkeit lächzt. Dabei ist der Schwabe in Berlin auf der Skala der Andersartigkeit für viele nicht so weit weg vom Türken in der Oberpfalz. Fremde Religion, andere Nahrungsmittel und Gebräuche, die man nicht sofort nachvollziehen kann. Hashtag #Kehrwoche. Es ist ein Seiltanz. Wer zu ernst auf den Lokalkolorit besteht, wird schnell als provinziell abgestempelt. Und provinziell will man nicht sein. Schon gar nicht in Berlin. Einerseits sind wir alle längt globalisiert und wollen über diesen Dingen stehen, andererseits machen wir die Witze über spießige Schwaben und verpeilte Hauptstädter als wäre es ein Religionsersatz.

Ich mag regionale Eigenheiten. Nicht nur die meiner bajuwarischen Heimat. Als Angehörige eines Volksstammes, der oft wegen zu vieler Bräuche und erfolgreicher Eigenheiten verspottet wird, bin ich da sehr tolerant. Wenn es nach mir geht: Mehr Feiertage für alle! Ich verstehe viele solcher Traditionen nicht aber finde es dennoch gut, wenn man versucht sie zu erhalten. Sogar, dass sich die Diskussion am Essen entzündet, ist eigentlich eine ganz clevere Variante – jeder isst gern. Vielleicht, wenn wir über Schrippen und Semmeln und Wecken reden, reden wir demnächst über Bäcker und uniforme Teiglinge, die aus Fabriken kommen und in der Bestellform des Großlieferanten Brötchen heißen. Parmaschinken heißt so, weil er aus Parma kommt. Die selbe Regel gilt für Champagner und die Nürnberger Bratwurst. Das werden regionale Eigenheiten, Bezeichnungen und Herstellungsarten zum Markenschutz. Zum Qualitätsmerkmal.
Eigennamen und Dialekte hatten immer schon zwei Funktionen: 1. die Identifizierung und Stärkung der Verbindungen im Inneren. 2. Die Abgrenzung nach Außen. Wenn ein schwäbischer Bäcker nach Berlin zieht und dort Semmeln nach seinem Rezept macht – sind es dann Schrippen? Und wenn der bayerische Franchisenehmer einer Backshop-Kette von München nach Hamburg wechselt – macht das noch irgendeinen Unterschied? Ich esse gern Falafel mit Hummus. Frittierte Bohnenpüreeklöße mit Kichererbsenpaste. Nur, dass niemand diese Aufschrift auf einer Tafel fordern würde. Wäre auch verdammt lang.

Wenn der Berliner Flughafen eines Tages fertiggestellt sein wird, werde ich dort einen ordentlichen Döner bekommen. Genauso wie Burger und Fritten, Sushi, Currywurst, womöglich Fish and Chips und vermutlich auch Krapfen, äh, Pfannkuchen und eine Butterbrezn. Wobei die höchstwahrscheinlich in einer miserablen Backshopkette dann 1,40€ kostet. Die Chance, dass der geneigte wie verhasste Tourist eine echte Bulette in einer echten “berliner” Schrippe bekommt, sind eher schwer zu schätzen. Auch die Snack-Tauglichkeit von Maultaschen ist mir spontan nicht geläufig. Eine leere Bezeichnung allein setzt sich nicht einfach so durch. Da kann sich Herr Thierse auf den Kopf stellen. Aber vielleicht ist er ja der Gründer einer Petition, die sich für die Bevorzugung von regionalen Läden und Marken im Willy Brandt – Flughafen einsetzt. Dann will ich nichts gesagt haben.

Mit tropft Marillenmarmelade auf den Ärmel. Das ist beim Krapfenessen immer so. Der Puderzucker ist mittlerweile überall verteilt. Hätte auf der Schachtel Berliner oder gar Pfannkuchen gestanden, ich hätte genauso hinein gebissen und stattdessen wäre mir dann eben Pflaumenmuss auf den Ärmel getropft. Ich kann auch sehr gut damit leben, dass der präparierte Faschingskrapfen mit Senf aus der Mode kommt und es stattdessen öfter welche mit Vanillepudding gibt. Nicht jede Tradition muss unbedingt überleben.
„Im Rheinland,“ sagt die L. zwischen zwei Bissen, „ist gar keine Marmelade drin. Nur Rosinen.“
Rosinen? Das geht jetzt zu weit.