Bavaria, der Boandlkramer und die Bloggerei

Ich mag den November. In all seiner Düsternis und der fiesen Feuchtigkeit, die in Schuhe, Haare und Glieder wandert. Dafür wurde schließlich Tee erfunden. Und Schnaps. Aber ich greife vor.

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Jedenfalls, Regen, Wind, Kälte – also all die ungemütlichen Faktoren, die man sich so vorstellen kann. Ich mag das. Es ist nämlich das perfekte weiße Rauschen im Hintergrund. Um zu… kontemplentieren, as they say. Während es an Sonnentagen oftmals seltsam anmutet, wenn man einfach nur dasitzt, reflektiert, den inneren Lästereien freien Lauf lässt, kann man das im November, bei Kerzenlicht, relativ unbehelligt (haha) tun.
Gerade wenn man, wie ich, manchmal auch grauen Gedanken nachhängt. Immerhin fängt November mit Allerheiligen an. Oder eher Allerseelen. Kurz bevor wir uns in weihnachtliche Delirium stürzen geht es auf dem Kalender unübersehbar noch einmal um die andere Seite.
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Das mag ich. Zugegeben, ich neige zur Morbidität und nach fünfzehn Jahren auf und ab im Depressionental, ist die Beschäftigung mit Tod und Ende auch ein kleines Hobby. Vor allem, wenn es wie in Bayern, so schön in die Folklore integriert ist.

Hier kommt der Boandlkramer ins Spiel. Der bayerische Sensenmann. Ein huzliger, verschlagener Tod, der den angenehmen Dingen des Lebens aber nicht abgeneigt ist. Wer vom Brandner Kasper und seiner Wette mit dem Heimholer in den bajuwarischen Himmel noch nichts gehört hat: Als es darum geht, in die ewigen Jagdgründe einzugehen (der oide Brandner ist ein leidenschaftlicher Wilderer), spielt er mit dem Boandlkramer Karten. Das Kartenspiel und der taktische Einsatz von Kirschgeist (Schnaps) führen dazu, dass der Kasper mehr Lebenszeit und der Tod ein Problem hat.

Diese sehr eigenwillige Interpretation des dunklen Charakters hat sich aus dem Theaterstück aber auf eine Weise emanzipiert und ist jetzt ein eigenständiger Teil der bayerischen Sagenwelt 1. So kam es auch zu einem meiner Lieblingssätze, der mir wohl auf Twitter unterkam (ich erinnere mich leider nicht daran, von wem es stammt. Tipps willkommen!)

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Der kartlt scho mi’m Boandlkramer

Als Bezeichnung für jemanden, der wohl eigentlich schon an der Schwelle zum Jenseits steht. Was für eine wunderschöne Formulierung. Ein Kartenspiel, das je nach Gerissenheit unterschiedlich lang andauern kann.

Nicht, dass der Tod nur lustig ist. Aber eben auch nicht nur ernst. Im November geht das. Im Dezember ist dann Weihnachts-Tamtam und man möcht noch Heiligabend/Sylvester erleben und ach, de stade Zeit.

Im November schlagen wir die Mantelkrägen hoch und schauen zwischen Schal und Mütze mit einem schmalen Streifen auf die Welt, nehmen gerade so wahr wie alles grau wird. Als Blogger sieht man sich natürlich erst recht in der Pflicht, diesem Nachdenk-Monat etwas abzugewinnen, Produktiv zu sein und vor allem die ganzjährige Stubenhockerei auch endlich mal rechtzufertigen.

Aber, wenn es für die Schreibblockade eine Figur gäbe, so wie den Boandlkramer für den Tod, dann würde ich gerade mitten in einer Schafkopf-Runde stecken und der Kirschgeist wäre fast aus. Das nehme ich dem November dieses Jahr sehr übel. Vielleicht wirkt der Kirschgeist auch einfach nicht und die Schreibblockade findet Schafkopfen nicht so interessant. Ich bezirze sie mit Tee und Kuchen, mit dunkler Musik und Single Malt, aber sie will momentan nicht aus dem Weg gehen. 2

Aber natürlich, ein paar verführerische Essenzen langen nicht für so eine ausgewachsene, verschlagene Blockade. Sie will mit auf Abenteuer genommen werden und neue Dinge sehen und sich von frischen Perspektiven ernähren. Also die Mangelware des Novembers, so wie frisches Obst.

Der November ist fast vorbei, die Blockaden-Schickse ist immer noch da und ich weigere mich weiterhin ihretwegen irgendwelche Horizonte zu sprengen. Vielleicht stell ich ihr in der Vorweihnachtszeit einfach die Verwandschaft vor. Das würde Boandlskramer und Blockade in die Flucht schlagen.

  1. Wer sich für derlei begeistern kann, dem möchte ich die „Apokalypse am Tegernsee“ ans Herz legen, da hat er einen ganz entzückenden Auftritt. (Disclosure: Ich kenne und mag den Autor. Ja und schon, die Story taugt was.)
  2. Bitte, keine Ratschläge, hilfreichen Links oder Zitate von irgendwelchen Schriftstellern. Been there, tried that.

Von Podcasts und Webshows: Story-Methadon für den Sommer

Wir haben ja hier ausführlich etabliert, dass ich voll an der Seriennadel hänge. Und so glücklich ich über die Wiederkehr von Breaking Bad und White Collar bin, es langt doch während dieses trüben Sommers nicht auf die Dauer.

Was tut der Serienjunkie also? Besorgt sich Ersatz in Form von Web-Serien und Podcasts. Beide Formate haben sich längst emanzipiert und können in Qualität und Unterhaltung locker mit „traditionellen“ Medien mithalten. Bonus: kein Ärger wegen Geo-Blocking. Webshows sind für alle da!

Podcasts: Unterhaltung zum Draußen hören
Wired Storyboard

Die Wired zu erklären wäre Eulen nach, dings, Athen tragen. Der Storyboard-Podcast ist eine entsprechend wilde Mischung. Von Interviews mit z.B. Vince Gilligan, dem Kopf hinter Breaking Bad hin zu einem Gespräch über den irischen Whiskey-Markt. Immer spannend und mit neuen Erkenntnissen. Meistens endet es damit, dass ich anschließend ganz viele Sachen googeln muss. Ganz klassische Horizonterweiterung. Das mag ich.
Link: Wired Storyboard Podcast

StarTalk

Neil deGrasse Tyson, das ist der Mann der John Stewart erklärt hat, dass sich seine Weltkugel falsch dreht. James Cameron hat für ihn den Himmel über der Titanic geändert. Und ein bisschen hat er auch damit zu tun, dass Pluto kein Planet mehr ist. Kurz: ein Astronomie-Rockstar. Der StarTalk ist seine unregelmäßige Radio-Show, in der er sich mit Wissenschaftlern, Schauspielern und Comedians über den Himmel, die Sterne und ihre Rolle in unserer Kultur unterhält. Klingt langweilig? Nicht wenn Whoopi Goldberg über StarTrek redet oder an anderer Stelle erklärt, was in Superman alles nicht plausibel war. Nix mit trockener Wissenschaft, sondern Begeisterung für das Universum. Wie Mr. Tyson sagt: Keep looking up.
Link: StarkTalk Radio

The Nerdist Writers Panel

Okay, das ist jetzt nicht für jeden, muss aber mit auf die Liste. Weil: Mein Lieblingspodcast.
Ben Blacker, selbst TV-Drehbuchautor redet mit den Köpfen hinter unser aller Lieblingsserien. Die Panels werden meist mit Publikum aufgezeichnet, das dann auch Fragen stellen darf. Wie sind Vince Gilligan (Breaking Bad), Ben Edlund (u.a. Supernatural), Dan Harmon (COMMUNITY!) oder Jane Espenson (Buffy, BSG, Torchwood) geworden was sie sind, wie geht’s in einem Writers-Room zu, woher kommen die Geschichten und wie dreht man nicht durch zwischen Deadlines, Fan-Reaktionen und Studios die wegen all der Umwälzungen in der TV-Landschaft leicht in Panik geraten. Klingt trocken, ist es aber nicht. Diese Menschen sind witzig und verstehen was vom erzählen. Wer sich auch nur ein bisschen dafür interessiert was hinter den Kulissen passiert wird diesen Podcast so lieben wie ich. Allein die Geschichte wie Autorin Amy Berg Joss Whedon kennengelernt hat (es ist ein Holzpflock involviert) ist es wert. Oder wie der Lost-Pilot an einem Wochenende entstand. Oder der Headwriter von Deadwood seine Scripts gern im Liegen diktiert. Geschichten-Profis eben.
Link: Nerdist Writers Panel

Web-Shows: Kleine Happen, viel Buzz
The Guild

Felicia Day. Mehr sollte man ja eigentlich nicht sagen müssen. Die ungekrönte Geek-Königin ist Schauspielerin, Autorin, Produzentin, Gamerin und ganz generell ziemlich awesome. Mittlerweile 5 Staffeln umfasst die Saga um eine Gruppe von MMORPG-Spielern (ich musste auch erst nachsehen wofür das genau steht. Menschen die sich zusammen schließen um online als Gruppe zu spielen.) Felicia spielt Codex, die zurückgezogen lebt und eingesehen hat, dass sie ein kleines Problem mit ihrer ‚Spielsucht‘ hat. Als es Ärger innerhalb der Gruppe gibt, initiert sie kurzerhand ein Treffen aller Mitglieder. Die natürlich bunt gemischte Truppe stolpert von da an gemeinsam durch’s Leben. The Guild ist keine Gamer-Serie. Es geht viel mehr um das aufeinandertreffen von Online-Leben auf Offline-Realität und was das mit einem Leben anstellen kann.

Link: The Guild

Husbands

Noch bevor Jane Espenson eine der profiliertesten Autorinnen im Bereich Sci-Fi und Mystery wurde, war sie als Comedy-Autorin unterwegs. Irgendwo zwischen Torchwood und Once Upon A Time hatte sie dann wohl ein paar freie Tage. So entstand Husbands. Eines morgens wachen der herrlich aufgedrehte Cheeks und Profi-Baseballer Brady in einem Hotelzimmer in Las Vegas auf und sind, wie das Leben so spielt, verheiratet. Husbands ist vollkommen durchgeknallt und unglaublich witzig. Bald startet Staffel 2, jetzt ist also genau der richtige Zeitpunkt um einzusteigen.

Link: Husbands

Lizzie Bennet

Lizzie ‚Elizabeth‘ Bennet und ihre Schwestern. Genau, die Bennet-Schwestern. Man könnte meinen es gäbe genug Varianten von „modernen“ Jane Austen Verfilmungen. Aber mindestens diese hier hat es noch gebraucht. Lizzie ist mitte 20, studiert irgendwas mit Kommunikation und ihre Mutter findet es schade, dass weder sie noch ihre liebreizende große Schwester Jane schon verheiratet sind. Wo doch die Wirtschaft…! Leicht genervt fängt Lizzie darum ein Video-Tagebuch an, in dem sie mit Hilfe von Freundin Charlotte von ihrer hysterischen Mutter und dem geheimnisvollen Mr. Bing Lee erzählt. Und natürlich vom furchtbaren, unerträglichen Mr. Darcy.
Lizzie ist endlich so, wie man sich die moderne Elizabeth vorstellen würde und auch sonst glänzt die kleine Show mit toller Besetzung und stylischen Dialogen. Da ist es verschmerzbar, dass Lizzie statt in England jetzt irgendwo in den USA ihr Unwesen treibt.

Link: The Lizzie Bennet Diaries

Meine Musik 2011 – eine lose Sammlung

(Noch so ein Zeichen, dass es kein gutes Jahr war: Mein Musikgeschmack. Vorhersehbar, mainstreamig, kitschig und überhaupt. Passenderweise gab mein Last.fm – Account auch nur leidlich Auskunft darüber was ich wann hörte, weil ich nur Unterwegs genug Muse hatte. Da müsst ihr jetzt also durch.)

Anfang des Jahres bestand mein Leben nur aus Hektik, aus zu vielen Zielen und langen Abenden. Vielleicht habe ich mir da schon den grundlegenden Tageslichtmangel für dieses Jahr geholt.

Und wenn man eh schon in der Zwischenwelt lebt, da kommt einem Wunderstimmchen Adele grade recht. Also so halb. Jedenfalls, es hilft nichts und ihr habt es alle gehört, aber „21“ ist nun einmal da und es hat sich in meinem Leben breit gemacht. Um zu bleiben, nämlich. Und weil ihr die Singles alle schon tot gehört habt, nehmen wir eine der fröhlicheren Nummern des Albums.
I’ll Be Waiting by Adele on Grooveshark

So zäh wie Melasse, das Frühjahr. Mit wischi-waschi Aussagen und gebrochen Versprechen. Enttäuschungen und dem dumpfen Gefühl, dass alles nicht so laufen wird. Leider hatte ich recht.
Aber so wie es sich dann doch Platz macht und es wieder blüht, gibt es Alben die durchbrechen die eigene Lebenszähigkeit . Lang lebe Elbow!. Das frische Album Build A Rocket Boys! (nur echt mit Ausrufezeichen) zeigt, dass es Bands gibt die weicher UND besser können. (I’m looking at you Coldplay Incubus.)
with love (Album Version) by Elbow on Grooveshark

Der Sommer hatte die Konsistenz von Harz . Zäh und unentschlossen, wie mein Leben (ja, es ist ein jahresübergreifendes Thema.) Alles wechselte dauernd. Kalt und war, gute Tage und miese Tage. Tolle Anzeichen und ganz schreckliche Nachrichten. Die schlimmsten immer für Menschen die mir etwas bedeuten. All I could do was stand on the sidelines.
Aber es gibt ja Lichtblicke. Stampfende, tobende Momente. Und dafür gibt’s Trombone Shorty. Das Album „Backatown“ gibt es zwar schon eine Weile, aber ich habe es erst beim Durchblättern einer Amazon-Aktion gefunden. Thank God I did!
Something Beautiful (feat. Lenny Kravitz) by Trombone Shorty on Grooveshark

Ach, Herbst, du dummes, aufregendes Ding. Du mit verbrachten Stunden in Krankenhäusern und bei Beerdigungen, mit Formularen und furchtbaren Entscheidungen. Was hab ich dir eigentlich getan, hm? Das üben wir nochmal.
Endlich war alles diffus genug, dass ich mich mit dem neuen Bon Iver Album beschäftigen konnte. Und ja ich weiß, das ist aus Hipster-Gründen eigentlich schon wieder eine schwierige Angelegenheit. Andererseits: Das Album ist ziemlich sensationell geworden.
Perth by Bon Iver on Grooveshark

Mein Spätherbst/Winter – Album habe ich einem enthusiastischen Twitterer zu verdanken. Agent_Dexter nämlich hörte nicht auf diese Platte zu loben. Und womit? Mit Recht. Kopfhörer auf, raus gehen, am besten irgendwo wo man mitsingen kann. Soll heilsam sein.
Was Noel Gallagher und seine High Flying Birds da abgeliefert haben ist großes Kino.
The Good Rebel by Noel Gallagher’s High Flying Birds – on Grooveshark

Das Jahr war doof, mal so zusammengefasst.
Aber reden wir mal über Florence. Über Florence, die Maschine und SHAKE IT OUT aus dem zweiten Album „Ceremonials“. (Das ihr eh alle schon in – und auswendig kennt. Lasst euch das bitte nicht entgehen.)
Reden wir, über mein Lied des Jahres. Reden wir über diese Textzeilen:

Regrets collect like old friends
Here to relive your darkest moments
I can see no way, I can see no way
And all of the ghouls come out to play
And every demon wants his pound of flesh
But I like to keep some things to myself
I like to keep my issues drawn
It’s always darkest before the dawn

Ich wiederhole:

IT’S ALWAYS DARKEST BEFORE THE DAWN

In diesem Sinne, 2012 kann nur besser werden. Und jetzt: LAUT AUFDREHEN UND MITSINGEN!
Shake It Out by Florence + The Machine on Grooveshark