Der Mann, den sie Schweini nannten

Mittlerweile ist es so eine Art running gag auf Twitter.
Während des DFB-Pokalfinales war ich nur sporadisch online. Das hat meine Timeline nicht abgehalten, als Bastian Schweinsteiger das 4:1 geschossen hat.
[quotetweet tweetid=14055177303]

Und ja, meine Verehrung für Bastian Schweinsteiger ist ziemlich gut dokumentiert. Fast noch besser, als meine reservierte Haltung Herrn Ballack gegenüber. Ich erkenne ihn an seinen Wadln. Ich mag seine Interviews. Er macht mir sogar die Bundes-Angie sympathischer.

Da die WM dieses Jahr mit meinem Semester-Endspurt kollidiert und ich nicht dazu kommen werde, viel zu bloggen, ist es vielleicht ganz gut zumindest schon mal zu klären warum ich den mein Fanherz ausgerechnet an den Basti aus Kolbermoor (LK Rosenheim REPRESENT, ha!) verloren habe.
Und das nicht erst 2006. Au contraire.

———-

aus "die Spieler" von Strenesse

Wir schreiben das Jahr 2002. Der FC Bayern ist amtierender Champions-League Sieger. Aber, durch eine Myriade an Verletzungen und genereller Selbstüberschätzung sollte es jetzt, in der Folgesaison, nicht über die Vorrunde hinausgehen. Sucht man heute nach einem Gewinn aus dieser Zeit, es wäre vermutlich ein später Moment im Spiel gegen Lens. Mehmet Scholl wurde ausgewechselt. Und eingewechselt wurde ein 18jähriger, der bis dato in der zweiten Mannschaft gespielt hatte. Von diesem ersten Moment an, ob in der Champions League oder kurz darauf in der Bundesliga, fiel an diesem Kerl eines auf: So unerschrocken war schon lange kein junger Bayernspieler mehr aufgelaufen. Man könnte auch sagen, er war unverschämt Selbstbewußt. Und weil Begeisterung, ja Liebe, kein Ausdruck der Ratio ist, sondern einfach irgendwie passiert, hat das gelangt. Also bei mir jetzt.

Selten hatte mich ein Fußballer, noch dazu einer der kaum ein ganzes Jahr älter ist als ich, so beeindruckt. Er kannte einfach kein Pardon, egal welche Liga, welcher Gegner. Die natürlich aufkommenden Ratschläge von Uli Hoeneß waren ihm irgendwie auch herzlich egal. Dieses Ego ist ihm bald vorgeworfen worden.
Und das obwohl es ihm wahrscheinlich geholfen hat sich in die erste Mannschaft des FC Bayern und schließlich auch in die Nationalmannschaft (er war 2004 schon dabei!) zu spielen. Nicht zuletzt, weil sich nette Jungs nicht beim FC Bayern durchsetzen. Roque Santa Cruz anyone? Phillip Lahm musste kurz nach Stuttgart, der gleichaltrige Trochowski hat es genausowenig geschafft. Allein Bastian Schweinsteiger ist aus dieser Generation gradewegs von der Jugend in die Profimannschaft marschiert.

Dass ein Kerl in seinen frühen Zwanzigern daraufhin mit Frisuren experimentiert, die Münchner Clubs durchstreift und mal so generell das Leben genießt war in den dann für viele tatsächlich ein Grund Kritik an ihm zu üben. 1 Ha. Haha. Darf ich dazu kurz sagen, was ich getan hätte, so mit einem Job der mir Spaß macht und genug Kohle um mir meine verrückten Wünsche zu erfüllen? Ein verflucht großes Haus, ein wahnsinnig schickes Auto und auch sonst hätte ich an der Statussymbolfront wenig ausgelassen.

So wie es auch jeder Journalist getan hätte, der sich so gern über die Extravaganzen des Herrn Schweinsteiger ausgelassen hat. Und das lange, vor jeder Diskussion an seinen fußballerischen Fähigkeiten.

Und dann, dann kam das Sommermärchen.
Der Jubel einer ganzen Nation bildete den Boden für eine Show, die die Presse liebevoll “Poldi und Schweini” nannte. Podolski sollte bald darauf nach München wechseln und Bastian Schweinsteiger wurde versehentlich als brillianter Außenspieler entdeckt. Scolari, so schien es, wollte den jungen deutschen Spieler eigentlich gleich mitnehmen. Und das trotz der Tore, die er gegen Portugal schoß. Außerdem hatte er Angela Merkel um den Finger gewickelt, eine kleine Armee an jungen Mädchen betört und Uli Hoeneß dazu gebracht, ihn die Zukunft des FC Bayern zu nennen.
Diese Form zu halten, oder womöglich zu verbessern, wurde zur Mindestanforderung an einen 21jährigen, der sich noch nicht sicher war ob die Außenbahn überhaupt sein Platz auf dem Feld ist.

In den Jahren 2006 bis 2010 war es dann auch nicht immer leicht für Basti und seine Anhänger. Die Form schwankte bedrohlich, die Suche nach einem Image wurde ihm angekreidet und generell galt er als eine der Symbolfiguren wenn es um die Identitätskrise 2 des FC Bayern ging.
Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass es gerade auch diese Jahre sind, die mich zur sturen Verteidigerin von Basti haben werden lassen. Weil: Mitte Zwanzig sein, sich selbst und den eigenen Weg finden – ob im Job oder generell im Leben – das kenne ich auch. Das kennen vermutlich sehr viele seiner Fans.
Auch, weil hier so schön der Generationswechsel illustriert wurde. Grade Uli Hoeneß, den ich sonst sehr schätze, hat da oft komplett unnötig Kritik an Kleinigkeiten wie Schweinsteigers Äußerem geübt. Von der Gefahr, er würde abheben. Und dass das jawohl so nicht sein dürfe. Ich meine, Uli, bei aller Liebe – aber Fußballer und Ego, Style und so – das soll es gerüchteweise früher auch gegeben haben.

Dieser eigene Kopf, diese gewisse Grundsturheit gepaart mit einem Hauch Wahnsinn und eingerahmt von genug Selbstbewußtsein – das ist ja auch der FC Bayern in Reinform. Und das ist eigentlich per Definition ein Typ. Einer von diesen Typen 3 die neuerdings gefordert werden, speziell für die Nationalmannschaft.

Verzeihung, ich schweife ab. Weil jetzt kommt ja Lois ins Spiel.
Es war perfektes Timing, als der rauhe aber unvermeidlich liebenswerte Lois van Gaal an die Säbener Straße kam. Schweinsteiger, dank neuem Manager und Dauerfreundin persönlich einen ganzen Schritt weiter bekommt einen Trainer, der feststellt, dass der Junge ja wirklich gut Fußballspielen kann, ihn sogar als kompletten Spieler bezeichnet – ihn aber auch endlich aus der Mater der Außenbahn holt.

Als Lois van Gaal grade erst ein paar Wochen Trainer des FCB war, hat ein dusseliger 4 Journalist Bastian Schweinsteiger im Vorbeigehen gefragt, was er den so vom ihm hielte. Basti hat mit den Schultern gezuckt, kurz gegrinst und gesagt “Er ist ein bisschen verrückt, aber ich glaube das passt schon.”
Das war im Übrigen der Moment, als für mich feststand, dass Luis van Gaal lange bleiben wird. Dass er zu Bayern passt hatte sich mir schon erschlossen, als er auf der ersten Pressekonferenz so hervorragend demonstrierte wie sehr seine Persönlichkeitsanlagen sich mit den Eigenschaften des FC Bayern überschneiden. Mia san mia, indeed.

Was dann während der zurückliegenden Saison passiert ist, muss ich nicht erzählen, das wäre ja Wasser in die Isar schütten. Die Welt, sie liegt Herrn Schweinsteiger 5 doch sehr zu Füßen. Keine self-respecting Publikation, ob print oder online, ohne den ultimativen “da ist aber jemand erwachsen geworden”-Artikel. You don’t say. Passiert Leuten in dem Alter auch sonst nicht.

Doch genug des Ärgers. Schließlich bin ich eigentlich ein sehr glückliches Fanmädchen, aktuell. Basti, der Fels im Mittelfeld des FC Bayern. Basti, der emotionale Leader (Wirklich, Jogi, WIRKLICH?) in der Nationalmannschaft. (Nein, ich sag jetzt wirklich Nichts mehr zu you-know-who und seiner Abwesenheit und wie das auch noch gut ist für Bastian. Nein. Bestimmt nicht.)
Und Basti, der immernoch genug Selbstbewußtsein hat, um sich von dem ganzen Druck nicht irre machen zu lassen. Plötzlich seid ihr alle ganz schön froh, dass er so ist, gebt’s zu.
In den nächsten Wochen werden viele, viele Sätze geschrieben werden in denen die Worte Fußstapfen, Erwartungshaltung, Chef im Mittelfeld, Nachfolger, erstaunliche Entwicklung und letztendlich beeindruckende Leistung vorkommen. (Ich glaube, ich hab grad ein Trinkspiel entwickelt.)

Unabhängig davon wie die Sache in Südafrika ausgeht, (who am I kidding, bei allem unter Viertelfinale wird die Nation in höchstem Maße iritierrt sein und ich glaub ich auch.) ich kann es kaum erwarten zu sehen wie die Karriere von Bastian Schweinsteiger weiter geht. Jetzt bin ich auch davon überzeugt, dass es gut gehen wird. Basti war das ja irgendwie immer schon. Ich denke, ich werde diese Haltung auch mal ausprobieren.

Und da sag noch einmal einer, Fußballer gehen nicht als Vorbilder durch.

  1. Womit ich mich kurz mal an die Journaille wenden muss: Dieser Tage schreibt ihr ja alle brav schöne Artikel über die angebliche Wandlung des Bastian S. Und jeder, wirklich jeder von euch, kommt nicht umhin seine Fingernägel zu erwähnen, respektive deren nicht länger vorhandene Gelacktheit. Ja sagt mal Freunde, ist das alles was euch einfällt? WIRKLICH? FINGERNÄGEL??
  2. Sollte jemand den hier verlinkten Blogeintrag lesen: ich distanziere mich natürlich nachträglich eine komplette Milchstraßenbreite von den Zweifeln an Herrn Robben. Robben ist toll. Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil.
  3. Unbedingter Lesebefehl: der Blog von Roland Eitel, dem Kommunikationsberater unser Nationalmannschaftstroika.
  4. Seit Luis da ist, ist jeder Journalist mindestens dusselig, stelle ich fest. Sollen sie doch endlich ihren Job machen und sich vorbereiten. Jawohl.
  5. Ach, noch eine Kleinigkeit, liebe Schreiberlinge. Neben den Fingernägeln habt ihr ja noch eine Standard-Allegorie für eure Wandlungsartikel, nämlich die vom Schweini zum Schweinsteiger. Nur: habt nicht ihr selbst 2006 diesen Namen ausgerufen und nicht er? Und hat er nicht seit dem in jedem einzelnen Interview erklärt, dass er nicht der Schweini ist? Was ihr ignoriert habt? Könnt ihr also bitte aufhören so großkotzig darüber zu schreiben wie er JETZT, PLÖTZLICH nicht mehr Schweini genannt werden will? Ja, bitte? Okay.

2 thoughts to “Der Mann, den sie Schweini nannten”

  1. Das ist -ma sagen- schön geschrieben. Aber geadelt von diesem grandiosen Bilddokument mit Würstchen-Uli und Paule. Das sollte vor und während aller sogenannten Talk-Shows, WM-Clubs und wo-auch-sonst im split-screen vorgeschrieben sein. Gesetzlich. Hast du schon mal an eine diesbezügliche Petition gedacht?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.