Je länger ich blogge, desto mehr merke ich, wie oft eine gewisse Wut den letzten Funken für einen Eintrag gibt. Das ist nicht unbedingt empfehlenswert, sorgt aber für die Art Motivation die es manchmal braucht.

Prolog:

Die von mir hochgeschätzte Anke Gröner musste sich vor kurzem, mit einer charakterlichen Amöbe einem unfreundlichen DHL-Mitarbeiter herumschlagen. Und das hat sie dann aufgeschrieben.
Vermutlich weil als „Serviceanekdote“ einsortiert, erschien ein Link zu diesem Beitrag im Lawblog. Und wurde dort kommentiert. Es zeigte sich die komplette Bandbreite menschlicher Verblendung. Letztendlich hat Frau Gröner dann noch kurz was zum Nachspiel geschrieben.
Ich will gar nicht den x-ten Meta-Eintrag zu dem Vorfall schreiben, ihn aber zum Anlaß nehmen, einen der Einträge die schon sehr, sehr lange auf der to-do-list stehen zu schreiben. Hat was mit Mädchen-sein zu tun.

1. Akt – jedem sein Feminismus
Ich bin Feministin, doch, ja. Zwar hadere ich oft mit dem modernen Feminismus weil ich nicht glaube, dass er die Biologie außer Kraft setzt und ich sehe wie sich die Bewegung bzw. deren Anführerinnen manchmal ein bisschen zu sehr um sich selbst drehen (Madame Schwarzer, I’m looking at you!), aber letztendlich ist mein Weltbild feministisch geprägt.
Was das heißt? Ok, befragen wir mal die (der die das???) allmächtige Wikipedia:

Feminismus ist eine Sammelbezeichnung für heterogene Konzepte, die die Rechte und Interessen von Frauen thematisieren. Von der gesellschaftlichen Ungleichheit zwischen Mann und Frau ausgehend, zielt der Feminismus auf eine verbesserte Lage der Frau und ihre faktische Gleichstellung in der Gesellschaft. Unter dem Begriff Feminismus werden zahlreiche, teilweise auch gegenläufige Strömungen zusammengefasst.

Um also mal ein bisschen allgemeinplatziger zu werden:

Frauen sollen die gleichen Optionen und Wahlmöglichkeiten haben wie Männer. Ihre Entscheidungen sollen die gleichen Konsequenzen haben wie für Männer und all dies akzeptiert und respektiert vom Rest der Gesellschaft. (also auch Männern wie der DHL-Amöbe.)

Ich musste mir schon sagen lassen, meine Einstellung wäre arg Post-feministisch oder aber nicht radikal genug. Das liegt schlichtweg daran, dass ich lange blind für frauenfeindliches Verhalten war, weil ich es für menschenfeindlich gehalten habe. Mein übergebildetes Hirn konnte sich nicht vorstellen, dass die Tatsache eine Frau zu sein heute noch ein Nachteil sein kann. Es wirkte auf mich so rückständig wie das Umerziehen von Linkshändern und verbotene Ehen zwischen Katholiken und Evangelen.

Heute mache ich die Augen auf und bin schwer iritierrt. Über die Zweideutigkeiten, das Chauvitum, die Reduzierung auf Optik von Frauen – und das von eigentlich intelligenten, „modernen“ Männern. Sie wissen es nicht besser.

2. Akt – Frauen haben keine Bedienungsanleitung – schade.

Mir ist klar, dass die heutige Männergeneration hin und wieder ein bisschen Konfus in der Gegend rumsteht und nach einem Prinzip, einer einfachen Ordnung sucht. Manchmal glaube ich, diese Sache mit Ordnung und festen Rollenvorstellungen haben sich Männer erarbeitet, weil sie es zur Sicherheit brauchen. So wie Frauen die erhöhte Kommunikation, auch über Gefühle brauchen, um klar zu kommen.

Und jetzt reißen wir euer Sicherheitsnetz ein, weil es unser Zaun geworden ist. Sorry Jungs, muss sein. 1

Damit wären wir dann auch wieder bei Frau Gröner. In den Kommentaren im Lawblog ging es dann irgendwann darum, dass man ja wohl ein bisschen Flirten aushalten muss und überhaupt hätte sie nur anders reagieren müssen.
Jetzt mal langsam und in Großbuchstaben:

MAN (FRAU) MUSS GAR NICHTS AUSHALTEN, SICH GEFALLEN LASSEN ODER ALS WIE AUCH IMMER SCHMEICHELHAFT EMPFINDEN.

Sie kann, wenn sie will. Und das ist dann nämlich Feminismus, ihr Vollpfosten aller Länder.

Manchmal ist man als Frau ein Reh in freier Wildbahn und muss sich mit dem noch netten Kompliment, über den blöden Anmachspruch bis hin zur saublöden (physischen) Attacke mit vielem rumschlagen. Und wehe man reagiert nicht souverän. Ob man nun empfindlich ist oder sich die Wut bahn bricht, das Gegenüber versteht die Welt ja ohnehin nicht mehr. In diesen Hirnen herrscht oft genug noch, soll sie doch froh sein, dass ich (ich! Zentrum des Universums!) sie bemerkt habe.
Wenn einem eine solche Attacke aus der Abteilung saublöd dann noch – wie im Fall von Anke – vor der eigenen Haustür, also im eigentlich geschützten Zuhause passiert, ist es schwer die Beherrschung zu behalten.

Das Stichtwort hier ist geschützt. In Sicherheit. Die Welt lehrt uns, dass wir als Frauen Sicherheitsmaßnahmen treffen müssen, wollen wir Übergriffe jeglicher Art durch einen Mann verhindern. Die Situation in der „unmöglich etwas passieren“ kann? Sie existiert nicht.
Wir vermuten nicht in jedem Mann einen Vergewaltiger, um Himmelswillen. Aber jedes mal, wenn ein Mann auf all zu aggressive Art Kontakt sucht, ein Nein beim Date ignoriert oder eben Spielchen spielt wenn er ein Päckchen ausliefern soll, schrillen unsere Alarmglocken. (You’re Schroedinger’s Rapist)

Und da versagt oft jede Schlagfertigkeit.

Ab wann etwas zu aggressiv ist? Das entscheidet jede einzelne Frau für sich. Und damit müsst ihr klarkommen, meine Herren. Wenn ihr eine grobe Anleitung haben wollt: Jede Situation in der euch eine Frau räumlich oder verbal ausgeliefert ist, ist die falsche Situation um sie anzusprechen. Körpersprache, Umgebung, Selbsteinschätzung – einfach mal kurz darauf achten und überlegen wie viel Unwohlsein ihr auslösen könnt.

Im Zweifelsfall das klassische Gedankenspiel, was wäre wenn das nicht irgendeine Frau, sondern die eigene Mutter, Schwester, Freundin, Tochter… wäre. Sollte die Sache einfacher machen.


3. Akt – it’s a womens world, lets critizice them

In der westlichen Welt hat die Emanzipation der letzten 40 Jahre viel Gutes gebracht. 2 Aber auch das ein oder andere zweifelhafte Echo. Frauen haben heute Kaufkraft und die Wirtschaft hat sie als Zielgruppe identifiziert. Nur, anstatt ihnen Honig ums Maul zu schmieren, bietet uns die Werbung 1001 Möglichkeiten uns zu verändern. Verbessern. Weil wir ja nicht gut genug sind. Nicht perfekt aussehen. Mehr Karriere machen sollen. Und Kinder haben und eine Partnerschaft pflegen sollen. Und Hobbies. Und Reisen. Und die Welt verändern. Also mindestens.

Die Entwicklung der Gleichberechtigung hat da einen interessanten Ansatz: die Werbung fängt an Männer genauso unter Druck zu setzen. Man betrachte hierzu die Spots der Kosmetikindustrie und moderne Familiendarstellungen in der Werbung. (der kompetente junge Vater ist das neue Lieblingsmotiv der Werbeagenturen.)

Was ich damit sagen will: Für all die Möglichkeiten die wir uns bereits erkämpft haben (und die noch lange nicht vollständig sind), hat sich auch der Druck auf Frauen von allen Seiten entsprechend erhöht. An dieser Stelle noch mal ein anderer Blick auf die Sache mit dem Paketboten: Anke Gröner gehört zu den viel gelesenen Bloggerinnen in Deutschland. Weil sie sehr ehrlich und humorvoll über sich selbst, ihre Schwächen, Begeisterungen und Amazon-Lieferungen schreibt.
Sie ist, so lose sich das im web definieren lässt, beliebt deswegen. Und eine Bloggerin, die nach eigener Aussage nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht, fröhlich über Alles schreibt was ihr gefällt – dabei auf Klischees pfeift und damit erfolgreich ist? Oh the horror, da kommen die Neider aus den Nestern und werfen ihr am Ende vor, dass sie sogar über ihren Zugang zu den eigenen Gefühlen schreibt. You wish you were that brave.

Als Bloggerin war es vermutlich die natürliche Reaktion ihre Erlebnisse mit ihren Leser_innen zu teilen. Und dafür gebührt ihr Applaus, den wir brauchen genau diese Berichte. Wir brauchen sogar noch viel mehr davon.


Epilog – feministische Nervensägen dieser Welt vereinigt euch!

Denn die kritischen Kommentare, die vielen „hab dich nicht so“, die es als Reaktion gab, zeigen vor Allem eins – mangelnde Sensibilität dem Thema gegenüber. Es geht eben nicht darum wie drastisch ein Vorfall ist. Es geht auch nicht darum wie man als Frau reagiert oder welche Begründung der Mann vielleicht hatte. Es geht darum wie verdammt oft solche Situationen jeden Tag vorkommen. Dass sich quasi jede Frau mindestens einmal im Leben direkt damit konfrontiert sieht.

Dass sie in dieser Häufigkeit Wirkung haben. Bei jungen Mädchen, die ihren Selbstwert zu sehr über diese Art der Aufmerksamkeit definieren – Aufmerksamkeit, die ihrem Aussehen, nicht ihrem Intellekt geschenkt wird. Bei Frauen, die nicht gelernt haben sich zur Wehr zu setzen und den Frust, die Scham die solche Momente auslösen in sich hinein fressen.
Und weil, solange die Haltung der Gesellschaft so wankelmütig ist – so schulterzuckend gegenüber dieser Art Verhalten – die nachwachsende Generation immer und immer wieder gegen den Status quo kämpfen muß.

Also müssen wir mit dem Finger drauf zeigen. Jedes. Einzelne. Mal. Und zwar deutlich. Mit Erklärung für die, die es nicht verstehen. Wenn ein Werbespot sexistisch, eine Anmache herabsetzend und ein blöder Spruch diskriminierend ist. Wir alle müssen fiese, nervtötende Feministinnen und Feministen werden, wenn wir den Feminismus irgendwann als überflüssig betrachten wollen.

Anders gesagt:

httpv://www.youtube.com/watch?v=M6wJl37N9C0

  1. Ich will erst gar nicht davon reden, wie problematisch es ist, dass es sogar Frauen gibt, denen dieses Sicherheitsnetz lieber ist und die weiterhin blind durch die Welt laufen, während sie andere Frauen kritisieren. (Cue to Eva Hermann-Referenz in 3…2…1..)
  2. Wie gesagt, die westliche Welt. Und natürlich wirken unsere Beschwerden gegen die Unterdrückung und Misshandlung von Frauen,die in vielen Ländern noch herrscht, luxuriös. Trotzdem müssen wir uns weiterhin Gehör verschaffen. Die Selbstverständlichkeit der feministischen Bewegung in Europa und den USA ist die Grundlage für den Kampf der in vielen Ländern Asiens und Afrikas noch in den Anfängen steckt. Und die Schnittmengen sind längst vorhanden. Burkadiskussion anyone?

Schlagwörter: , , , ,

Allgemein

3 Gedanken zu “das F-Wort – oder wie ich eine Nervensäge wurde

  1. In der Schule war ich Außenseiter, die Bandbreite dessen, was schulterzuckend läuft unter: „Kinder können grausam sein.“ Natürlich hat der Lehrkörper pädagogisch korrekt im Klassengespräch dafür geworben, mich bitte künftig zu respektieren – mit mäßigem Erfolg.
    Heute bin ich viel zu sehr Fleischfresser, um kein Verständnis für die Klassenkeile zu haben. Ich hätte in die Eisen gehen und Kampfsport trainieren können, mir Respekt verschaffen.
    Mögen viele Wohlstandsbürger an ihren Rechtsanspruch glauben, allein für ihr Dasein überall angesehen zu sein wie Staatsoberhäupter. Ich gehe davon aus, für viele Frauen „unsichtbar“ zu sein, ein Neutrum. Möglich, dass manch Frau sich regelrecht ekeln vor mir. Der Greis, der abseits aus einem Napf essen muss. Aber anstatt nun aus Grundgesetzen vorzutragen, fühle ich mich sportlich herausgefordert, Staatsoberhaupt zu werden, mir Respekt zu verschaffen, bis alle Frauen der Republik zittern vor Ehrfurcht.

  2. Mal die dummdreisten letzten Sätze zur Seite geschoben: Klar, warum auch am Status quo rütteln, das hat ja immer schon prima funktioniert. Veränderung – was ein Blödsinn, gell?

    Dann muss man es ja auch nicht selbst besser machen, sondern kann schön Sprüche klopfen. Wir brauchen mehr Leute mit der Einstellung, würde Eva Herrmann sagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.