Von der Weiblichkeit des Zupfens

Angefangen hat es so:

Doch nein: Zu 99 Prozent ist anschließend die Strumphose um mindestens 90 Grad, bis zu 360 Grad spiralverdreht am Bein und ziept. Es dauert Minuten, bis sie geradeaus zurechtgezuppelt ist.

  • Frau Kaltmamsell beklagt die Mühe des Strumpfhosenanziehens. Zurecht.
  • Und auch wenn sie die Vokabel „zurechtgezuppelt“ verwendet, musste ich sofort ans Zupfen denken. Und wie typisch diese Zupfende, schon in ihrer Ausführung leicht wehklagende Bewegung ist. Wie typisch weiblich auch, auf eine Art. Denn das Martyrium des Zupfens beginnt im Leben einer Frau schon arg früh. Als kleine Mädchen will die wärmende Strumpfhose unter der eigentlichen Hose zurecht gezupft werden. Auch Mützen und Handschuhe sind ständige Zupfherausforderungen.

    Während das andere Geschlecht bereits hier etwas grober und mit angestrengtem Gesichtsausdruck zu Werke geht – wir zupfen.

    Hinein in die Pubertät und es beginnt die nächste Disziplin im großen Zupf-Mehrkampf. Denn überschüssige Haare über der Nasenwurzel und der Oberlippe wollen entfernt werden. Die Pinzette wird unsere Verbündete im Kampf gegen die Mono-Augenbraue. Wir entwickeln Techniken und informieren uns über unterstützende Helferlein, die den Schmerz und die Entzündungen minimieren sollen. Es wird gekühlt und gepeelt, damit das Zupfen leichter fällt.

    Mittlerweile kommt uns die Industrie zu Hilfe und entwickelt mit dem Epilierer ein Gerät, dessen einzige Spezialisierung das schnelle Zupfen ist. Von wegen Multifunktion. Nichts außer Zupfen. Die jungen Herren? Rasieren. Nass oder elektrisch, bluttriefend oder mit zuviel Rassierwasser. Wir Zupfen.

    Und finden das nicht einmal besonders seltsam.
    Ist Zupfen damit ein Klischee? Ein Stereotyp? Sind wir, auch als moderne Feministinnen, Oper einer großen Zupf-Verschwörung? Andererseits: Zupf-Instrumente. Da kommen plötzlich auch die Herren der Schöpfung zu ihrem Zupf-Grundkurs. Wobei überraschend viele auf Nachfrage das, was sie da mit einer Gitarre tun gerne „Schrammeln“ nennen. Warum auch immer. Zupfen ist schließlich aller Ehren wert.

    Wir seufzen, während wir auch als Erwachsene die Strumpfhose zurechtzupfen und schließlich einmal von oben bis unten über das Outfit zupfen – bis es sitzt, wie es soll. Finden wir uns selbst dann ordentlich genug, spitzen wir Daumen und Zeigefinger erneut – schließlich will der Kragen am begleitenden Herren auch zurecht gezupft werden.
    Ganz so, als hätte uns die Natur das Zupfen als übergreifende, kümmernde Fähigkeit mitgegeben. Eine uralte Kulturtechnik, die sprechende iPhones hin und Laserhaarentfernung her , in allen Lebenslagen zur Geltung kommt.

    Schließlich kann Zupfen auch despektierlich sein, herabsetzend.Wenn wir es wollen. Oder aufmunternd, optimistisch.Zupfen als nonverbaler Beziehungsausdruck. Da schlummern doch gleich mehrere Dissertationen, oder nicht?
    Und liebevoll, wenn man der eigenen Tochter am Ende wieder die Strumpfhose zurecht zupft, damit sie rausgehen kann und mit den Lackschuhen und der frischen Strumpfhose in eine Wasserpfütze springen.

    Apropos, Zupfen als verbindendes Element.

    2 thoughts to “Von der Weiblichkeit des Zupfens”

    1. Klavier spielen in Schlabberklamotten sollte helfen, die Zupferei zu reduzieren.  Man muss ja nicht alles mitmachen. Vor allem nicht modisch.

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