Liebe ARD, wir müssen reden

und ich sage das als Fan eurer Anstalt. Als ich während des Studiums nämlich keinen Fernseher hatte, habe ich gemerkt wie verzichtbar das komplette Privatfernsehen ist. Ich hasse Scripted Reality, ich kann ohne Casting-Shows 1 leben (ja ich geb’s ja zu, ich gucke The Voice, aber meine Güte) und selbst die Serien die dort importiert werden (Two and a half man? Igitt.) guck ich im Zweifelsfall lieber zeitnah im Original oder via DVD.

Nicht verzichten wollte ich auf Nachrichten und die Sportschau, auf Quer beim Bayerischen Rundfunk und 3sat (3sat rockt!). Manchmal schau ich den Tatort. Den aus Münster, mit ein bisschen Alkohol. Den aus München, weil München halt. Und ich mochte die Idee vom undercover-Krimi aus Hamburg.

Die Marke Tatort ist eine ziemlich starke, das sehe ich sofort ein.

Aber wisst ihr, was der Tatort nicht ist? Ein Allheilmittel.

Der komische Kauz in Kiel, der unerträgliche Til Schweiger und jetzt auch noch “Event-Tatort” aus Weimar mit Tschirner und Ulmen. Versteht mich nicht falsch: Ich bin für mutiges Casting, jederzeit. Dafür, dass die wenigen guten Schauspieler der Republik auch ihrer Rollen und mal größeres Publikum bekommen.

I get it.

Nur: Wo ist der Rest? Wo ist die Serie die im Berlin der 20er Jahre spielt, am besten hinter den Kulissen des Kulturbetriebs? Wo ist die Familiensaga über den Ruhrpott der 60er Jahre, als die Arbeiter aus ganz Europa kamen. WO SIND DIE GESCHICHTEN?
Und kommt mir jetzt nicht mit euren tragischen Fernsehfilmen, die immer auch mit Holzhammer-Subtilität irgendeine Botschaft vermitteln müssen. Bleibt mir weg mit den historischen Mehrteilern in denen die Bettina Zimmermanns dieser Welt sich zwischen zwei Kerlen entscheiden müssen.

Aber nein, Krimis müssen es sein, weil der doofe Zuschauer angeblich nicht anderes will. Nirgendwo. Der ARD-Vorabend: eine Ansammlung mittelmäßig bis miserabler Regionalkrimiserien, beim ZDF wird in Rosenheim und Garmisch ermittelt, auf hoher See und mit irgendwelchen SOKOs.

Ich hab da mal etwas zusammen gestellt. Wir betrachten kurz das Programm von ARD und ZDF vom kommenden Montag bis zum Donnerstag, jeweils zwischen 18:00 Uhr und 22:00 Uhr. Also eine Zeit in der relativ viele Menschen Fernsehen.

ARD Programm
ZDF Programm

Und jetzt streichen wir Nachrichten, das Wetter und alles was zumindest so tut als ob es ein Krimi wäre.

ARD Programm
ZDF Programm

Wie gesagt, Montag bis Donnerstag. Ohne Tatort, ohne Freitagskrimi oder oder oder.
Wenn man jetzt noch in der obigen Grafik auf alles verzichtet, das keine Fiktion ist bleiben ‘Verbotene Liebe’ und ‘In aller Freundschaft’. Oh, und ‘Rommel’ natürlich. Klar, Krieg geht immer. Dunkle Vergangenheit und Familiendramen. Bloß keine Unterhaltung. Bloß keine lockeren erzählten Geschichten mit fortlaufender Handlung. Wenn es lustig werden soll dreht ihr eine ‘romantische Komödie’ in der Sabine Postel oder Friedrich von Thun zueinander finden. Böser Kapitalismus, guter kleiner Laden oder so. Das nennt ihr dann Programmvielfalt, nämlich.

Aber hey, es gibt ja das Internet. Ich schalte also von Montag bis Donnerstag nicht den Fernseher ein, da ich dank amerikanischer Serienvielfalt ‘Revenge’, ‘Homeland’, ‘The Good Wife’ (Das ist allein schon Montags verfügbar) und in den Tagen darauf ‘How I met your mother’, ‘Sons of Anarchy’, ‘Nashville’, ‘Suburgatory’, ‘Supernatural’ und ‘Arrow’ sehe. Man kann jetzt darüber streiten ob die Biker-Serie ‘Sons of Anarchy’ ins Krimi-Genre fällt oder ‘Homeland’ nicht eigentlich ein Thriller ist. Und bevor ihr hier mit dem Kohle-Argument kommt: Auch ein Tatort kostet Geld und die BBC in England hat nicht annähernd euer Budget bekommt es aber trotzdem hin. (Sherlock, Misftis, Doctor Who, Luther – ja, ein Krimi, aber eben anders.)
Trotzdem: Ein Haufen unterschiedlicher Geschichten.

Wenn RTL eine Serie macht, dann sieht das aus wie ‘Cobra 11 die Autobahnpolizei’ 2. Ich traue mir eine Wette zu, dass die ARD dieses Niveau schlagen könnte. Und sei es nur mit einer deutschen Variante von ‘6 Feet Under’, einer Serie über einen Bestattungs-Familienbetrieb.
Da hätten wir auch jede Menge Leichen. So ganz ohne Krimi.

Ihr könnt schöne Dokumentationen mit niedlichen Tieren, ihr könnt hin und wieder Magazine und Reportagen. Talk-Shows konntet ihr mal, dann habt ihr euch von den Moderatoren respektive Produzenten alles aus der Hand nehmen lassen und jetzt dilettieren die vor sich hin.

Ich sag es ungern: Aber ihr verliert gerade eine ganze Generation an Zuschauern die lieber das vierte Mal die DVD-Box von ‘Friends’ aus dem Regal holt anstatt sich Günther Jauch anzusehen.
Eine Möglichkeit sie wieder zurück zu holen wären gute Geschichten. Geschichten die das amerikanische Fernsehen nicht erzählen kann, weil sie davon keine Ahnung haben.

Wenn mich das Internet eines gelehrt hat, dann das: Die Geschichten sind da. Und Leute die sie erzählen können auch. Lasst sie einfach mal machen und hört auf alle Lücken mit dem Label Krimi zu füllen. Ihr ruiniert es nämlich.

P.S.: Wenn ihr noch mehr Ideen braucht, ich komme gern mal zum Brainstorming vorbei, Bussi!

  1. Wobei die öffentlich rechtlichen wohl beschloßen haben, dass es für jede private Casting-Show eine Quiz-Show geben sollte die mindestens Barbara Schöneberger moderiert und in der Tiere/Wissenschaftler/Jörg Pilawa vorkommen sollten.
  2. Zugegebenermaßen hat man sich dort aber auch getraut Bora Dagtekins ‘Doctors Diary’ zu bringen. Eine nicht-krimi-Serie die auch noch lustig war. Schockschwerenot.

5 thoughts to “Liebe ARD, wir müssen reden”

  1. Spricht mir aus der Seele. Ich habe seit Jahren keinen Fernseher und kucke höchstens mal in den Mediatheken vorbei. Alles außer Dokumentationen und Reportagen kann man vergessen. Das einzige, was mich beim Öffentlich-Rechtlichen in letzter Zeit vom Hocker gehauen hat, war der Tatortreiniger vom NDR.

  2. würde ich im großen und ganzen so unterschreiben – wobei ich den Tatort schon eigentlich ganz gerne mag (wobei mir der Münsteraner ein wenig auf die Nerven geht, ich dafür aber den Kieler sehr mag – aber darum geht’s ja hier nicht)

    ich habe letztens mal irgendwo gelesen, dass die amerikanischen fernsehserien so viel kreativer als hollywood sind, weil sie einfach das machen, was sie interessant finden (weil es halt um wesentlich weniger geld geht) und nicht, was die marketingabteilung auf 23 testmärkten getestet hat usw. usf. übertragen auf deutschland: das problem liegt nicht im fehlenden geld, sondern im fehlenden mut und den langen entscheidungswegen.

    und ich fürchte fast, diese ganzen “lustige krimis aus der provinz” werden auch noch geschaut (ihre vorbilder, die “lustigen krimis aus der großstadt”, also Großstadtrevier und früher auch Adelheid und ihre Mörder, sehe ich übrigens durchaus gerne)

    (eine berichtigung noch: Misfits – eine der besten Serien überhaupt, zumindest die ersten drei Staffeln – ist keine BBC-Serie. Die machen [meines Wissens] nur den internationalen Vertrieb.]

  3. Ich habe bei den Öffentlich-Rechtlichen mittlerweile knapp 20 Programme und schaue meist diese. Ich finde täglich mein Programm und fühle mich sehr gut versorgt TVtechnisch… Ja und dann kann ich den Apparat immer noch ausschalten. Über die Privaten möchte ich mich erst gar nicht äußern. Wer meint, den Ami-Schrott anschauen zu wollen/müssen per Web, dann bitte. Allein, nachvollziehen kann ich das nicht ansatzweise.

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