Direkt zum Inhalt

Vernäht

Posted in Allgemein

Neulich ging es in der Twitter-Timeline um Narben. Irgendjemand war im Krankenhaus gewesen und sorgte sich, dass die Narbe am Bein nicht schön heilen würde. Jemand anderes bestätigte, dass das aber doch sehr schöne Arbeit sei und bestimmt gut und vor allem kaum sichtbar verheilt.
An anderer Stelle wurde kurz davor nach einem Heilmittel für eine kleine Brandnarbe gefragt. Auch noch irgendwie mit “nicht beim Essen aufs Bild gucken”. Und ich dachte: HÄ?

Ging in Gedanken meinen Körper durch. Die lange Narbe die an der rechten Ferse beginnt und fast 10cm entlang der Achillessehne geht. Die großen Flecken am Knöchel, wo die Haut so großflächig von den Metallspießen des Fixateurs aufgerissen war. So geht es den Unterschenkel hinauf weiter. In der Mitte des rechten Unterschenkels ist die lustige dünne Narbe unter der man, wenn man mit dem Finger darüber fährt, die Delle im Knochen spüren kann. Die lädierten Knie zu beiden Seiten, weil ich immer schon zu blöd fürs Radfahren war. In der Leiste ist es nur ein Punkt, weil sie damals eine Laser-Prozedur ausprobiert haben um die Lücke in der Nähe meines Herzens zu schließen.

An den Unterarmen sieht man, dass ich immer durchs Leben gestolpert bin, gern an Dingen hängen bleibe und das Maul aufreiße, wenn Leute mit Messern in der Nähe sind. Und heiße Bleche sollte man mir auch nicht geben. Und Katzen, natürlich.
Am linken Oberarm ist die häßlichste von allen. Ziemlich lang und ziemlich dick, weil sich die Ärzte doch arg verschätzt hatten bei der Größe der Exostose. (Jaja, so ein Röntgenbild kann täuschen!) Also haben sie am Ende an diversen Stellen gezogen und mit einem dicken Faden genäht.
Neu ist der winzige Knubel an einem Schlüsselbein, weil mich in Hamburg ein herabfallender Ast hinterlistig angegriffen hat.

Worauf ich hinaus will: Ist das auch so eine Schönheitswahn-Sache oder bin ich einfach zu abgebrüht? Gut, bei mir verheilt das Zeug immer nur so mittelgut und ich habe die Hautfarbe eines gesunden Raffaellos. Aber wirklich – sind Narben jetzt auch böse und unerwünscht, weil wir alle glatt und perfekt und eigentlich Androiden sein sollten?

Habe ich tatsächlich übersehen auch noch an diesen Markern meines Lebens herum zu mäkeln? An Männern gelten Narben doch noch irgendwie als cool. Männer haben Kampfspuren. Hallo, meine Narben sind auch Kampfspuren. Von den Kämpfen meines Lebens. Von kleinen Niederlagen und großen Siegen. Von allen Dingen und “Fehlern” die mein Körper angeblich hat, empfinde ich die Narben als am wenigsten Relevant.

Wenn ich so stehe und an mir herunter blicke, dann sehe ich nur alles, weil ich auf beiden Füßen stehen kann. Weil clevere Ärzte die Sehnen meiner Zehen durchschnitten haben, um sie zu begradigen. Sehen sie darum seltsam aus? Ja. Find ich sie genau darum toll? Aber hallo.

Manchmal sind Geschichten hinter Narben furchtbar trivial (heißes Blech, über die eigenen Füße fallen, sich am Blech (!) festhalten wollen) und manchmal fast heroisch. (Du Nazi-Depp solltest erstmal deinen Hauptschulabschluß nachholen! Das ist ja ganz toll, dass du ein großes Messer hast. Gaaanz toll, haha.) Aber es sind Geschichten. Und während andere sich Bilder in die Haut stechen lassen und dramatisch die Haare abschneiden, sind Narben Geschichtenerzähler, die einfach da sind, ohne zusätzlichen Aufwand gewissermaßen.

Meine Narben gehören zu mir, wie meine Locken und meine Zahnlücke. Ich pflege sie auch. Manchmal sind sie die beste Erinnerung daran, dass egal wie der Tag gerade war, wie schlecht die Situation ist, ich habe schon andere Kämpfe durchgestanden. Kommt ihr mir ruhig mit der Sorge darum, ob man noch ärmellose Tops und Röcke tragen kann, wenn dabei ein Stück unperfekte Haut sichtbar wird. Ich freue mich über die Gesichter der Menschen, wenn ich meine Geschichten mit echten Narben beweisen kann.

0

7 Comments

  1. Susanne
    Susanne

    Ob das jetzt ein wenig eitel klingt, wenn ich auf einen Blogpost von mir verlinke? Aber es hat mich so daran erinnert. Meine Schwester ist nämlich auch eine recht Vernarbte (ich hab da ja nur eine sehr fein verheilte Blinddarmnarbe und eine kleine Narbe an meiner Hand, in der mal eine dicke Flaschenscherbe steckte. Und ja, ich finde auch: Narben erzählen Geschichten):
    http://www.madame-katz.de/2012/02/very-dangerous-country/

    12/11/2012
    |Reply
    • PatschBella
      PatschBella

      Was für eine herrliche Anekdote. Wobei ich irgendwann wahrscheinlich statt Accident gesagt hätte – no, adventure!

      12/11/2012
      |Reply
  2. Frau-Irgendwas-ist-immer
    Frau-Irgendwas-ist-immer

    Ist ja genau mein Spruch wenn mal wieder wer wissen will ob ich Tattos habe. `Nein, habe ich nicht, ich habe Narben!` Und die erzählen Geschichten aus dem echten Leben – meinem Leben!

    13/11/2012
    |Reply
  3. excellensa
    excellensa

    Am Ende sind es die sichtbaren und die unsichtbaren Narben, die uns ausmachen. Das ist ein wunderbarer Blogeintrag, weil er mich innehalten und nachdenken lässt. Danke.

    13/11/2012
    |Reply
  4. Keks
    Keks

    Ich denke, dass Narben trotzdem noch etwas außergewöhnliches sind. Etwas, was deinen Körper für immer verändert. Bei einem Tattoo kannst Du dir aussuchen was und wohin, bei einer Narbe eben nicht. Deshalb kann ich schon verstehen, wenn sich jemand darüber Gedanken macht, wie sich das auf sein “Gesamtbild” in Zukunft auswirken wird und vielleicht nicht sofort Juchu schreit. Und das hat wahrscheinlich (oder hoffentlich) wenig mit irgendwelchen Schönheitsideal zu tun.
    Und mal ganz ehrlich: Wenn ich mir aussuchen könnte, ob mein Bein/Bauch/Arm/Gesicht/Bauch glatt sein soll oder eine wulstige Narbe darauf liegt, würde ich mich für ersteres entscheiden. Ist das jetzt verwerflich? Das heißt doch aber nicht, dass ich ein oberflächlicher Typ bin. Den Oberschenkel meines Mannes ziert ein solches Prachtstück vom Knie bis zur Hüfte und das gehört genau so zu ihm wie alles andere.

    14/11/2012
    |Reply
  5. Mama_arbeitet
    Mama_arbeitet

    Narben – davon habe ich auch reichlich. Menschen ohne Narben, die ein gewisses Alter überschritten haben, sind mir unheimlich – zu glatt, zu perfekt, scheinbar ohne Tiefe. Seelische Narben können auch Krater sein, die finde ich viel “zeichnender” als die körperlichen, bei mir und bei anderen.
    Und es ist tatsächlich so, dass meine prominenteste körperliche Narbe neben der riesigen Notkaiserschnitt-Piratennarbe, die quer über meinen Unterleib verläuft, durch einen dummen Zufall entstand: Ich trage am linken Fuss zwei Narben, die von einer Kollision mit der Türe meines Geschirrspülers herrühren. Dabei habe ich dummerweise einen Zentralnerv angeditscht, und hatte reichlich Schmerzen und Ärger hinterher. Das hätte echt nicht sein müssen. Tja. Aber gehört nun auch zu mir. Und hat sonst kaum jemand. :)

    Herzlichen Gruss, Christine

    10/05/2013
    |Reply
  6. […] ich Narben habe? Fräulein, ich habe sogar einen ganzen Beitrag dazu geschrieben. Wo es losging, ist schwer zu sagen, ich habe schließlich konsequent sämtliche […]

    25/12/2013
    |Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.