Wenn wir über die eventisierung einer Fußball-Weltmeisterschaft reden, reden wir auch über die eventisierung einer verdammt guten Story. Das ist die Sache mit dem Fußball. Wer einen Hang zu Geschichten hat, lässt sich davon leicht verführen.

https://twitter.com/Amethyststurm/status/477127827016650753

Eine WM – das ist, wie wenn das monatelang erfolgreiche Buch in einen sommerlichen Kinofilm verwandelt wird. Diejenigen von uns, die ohnehin das ganze Jahr lesen die Bundesliga verfolgen sind dann auch entsprechend argwöhnisch.

Wie Leute, die nichts über Positionen und Taktik wissen sich in Landesfarben hüllen, Fahnen aufhängen und irgendwelche Leute „Fußballgott nennen – das ist harte Kost für uns, die sich dieses Jahr Spiele mit HSV-Beteiligung angesehen haben.

Jaja, Fußball ist Popkultur und endlich können alle ihre Referenzen dazu schmeißen. Sogar unwissende bekommen mit, dass Arjen Robben leicht fliegt, Neymar eine Frisur hat und Costa Rica die total putzige Überraschung des Turniers ist. Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

Leicht übermüdet schleppt der wahre manchmal sehr doofe Fußballfan sich auch durch Elfenbeinküste gegen Griechenland oder das Spiel um Platz 3. Zettert und wütet, als Argentinien es gegen den Iran fast nicht auf die Reihe bekommt. Und wundert sich, weil man doch Südkorea viel stärker auf dem Zettel hatte. Ins Tippspiel traut man sich kaum noch zu schauen, weil die Laien wieder ihren Sommer-Triumph feiern.

Aber anders würden wir es doch nicht haben wollen. Der Kampf Fußball-Experte gegen unwissende Wortwitzler auf den sozialen Netzwerken gibt einem solchen Turnier endlich genug Raum, um auch über spielfreie Tage hinweg zu kommen.


Ganz heimlich wünscht man sich, dass diejenigen bei denen die Begeisterung grade frisch aufflammt, für mehr Verständnis sorgt. Verständnis, dass der Samstag Nachmittag der Bundesliga gehört und ja, selbstverständlich muss man auf dem Handy die Ergebnisse der Vorbereitung gegen die Jugendmannschaft des FC Mitraching checken. Das liegt doch auf der Hand. Das gehört dazu. FUSSBALL!!EINSELF!!

Die Nebenkriegsschauplätze erst! Pöblende Italiener auf Twitter, gröhlende kroatische Freunde auf Facebook und Menschen, die eh gegen alles sind vor allem und besonders, wenn es Menschen einfach nur ohne schlechtes Gewissen Spaß macht.

Worauf ich hinaus will: Mir hat dieses Turnier gerade weil ich es mit allem Hickhack auch auf und mit diversen sozialen Netzwerken erlebt habe noch mehr Spaß gemacht. Ich habe keine Erinnerung an 1990, vermutlich habe ich geschlafen. Oder was man mit 4 Jahren halt so tut.

Meine wirkliche erste Fußballerinnerung ist im Grunde die EM 96 und da dann hauptsächlich die Herren Sammer und Eilts. Und die Queen. Und weinende Engländer. Das hat meinen Blick fürs erste zementiert. Die Jahre danach wahren…ernüchternd.

Während der Herz- und Magenverein sich immer wieder erholt, war das mit der Nationalmannschaft etliche Jahre sehr mühselig. Man hat es versucht, aber da war kein Knistern, keine Chemie.

Eine Pflichtübung, die einen oft vor Rätsel stellte. Vogts, Ribbeck, Völler. Charisma ging anders. Mittendrin bekommt Deutschland eine WM zugesprochen und man weiß gar nicht, wie das werden soll. Und dann auch noch Klinsmann. Klinsmann! Als Bayer-Fan setzte ein bisschen Migräne ein.

Das langweilige, staubtrockene, begeisterungsunfähige Deutschland und eine kunterbunte Weltmeisterschaft? Doch. Ja. Ging. Es folgten Sturm und Drang und ungeahnte Ergebnisse. Völlig neue Perspektiven.

Ja, es wurde auch mehr Kommerz. Aber das ist halt so mit dem Marketing. Eine tolle, starke Marke, ein emotional geladenes Brand wie wir Dampfplauderer sagen, das ist ein Merkmal des Erfolges. Man muss Oliver Bierhoff nicht mögen, aber der Marktwert des Teams ist keine schlechte Verhandlungsbasis. Für Leistungszentren und Jugendarbeit und generelle Veränderungen, die alte Herren in eingessenen Posten vielleicht nicht als notwendig betrachten.

Nur deswegen drehen auch die Medien so durch. Was schmerzhaft ist. Anstatt uns allen was beizubringen, über Taktik und modernen Fußball, über die Notwendigkeit von manchen Dingen, erfahren wir folkloristische Halbwahrheiten aus einem Zettelkasten oder werden taub ob der Euphorie eines Kommentators.

Aber auch hier greift das Internet ein. Unterhält mit Memes und Kommentaren, mit Podcasts, Expertenmeinungen und hilfreichem Wissen. Mit dem man angeben konnte und sich so doch auch wieder als Nerd abhebt. Statuswahrung made online.

Worauf ich hinaus will: Danke, du Internet, du.

Ohne euch, hätte es nur halb so viel Spaß gemacht.

Ihr habt für Meinungsvielfalt, Wahnsinn und zumindest versucht haben wir es mit der Contenance.

Wenn der Irrsinn in zwei Jahren in Frankreich wieder losgeht, seid ihr dann auch dabei?

Ich würde mich freuen.

Und für alle, die wirklich gar nichts von Fußball halten: Danke für die Geduld.

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